Comic Review: American Gods – Schatten Buch 1 & 2

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Ehre wem Ehre gebührt

Neil Gaiman hatte mit dem Nachnamen sicherlich keine leichte Schulzeit, vielleicht ist das aber auch der Grundstein gewesen, auf dem er seine irren Fantasiewelten erschaffen hat. Unter diesen Fantasiewelten gibt es Unmengen an Material, gemischt durch alle Genres. Für Comicliebhaber sind die Sandman-Comics Pflichtlektüre; Kinderbücher, die auch bei Erwachsenen ziehen sind seit Coraline nicht mehr undenkbar und dann schreibt Gaiman auch noch Romane. Und ein sehr beliebtes Werk darunter ist American Gods, welches mittlerweile auch auf Amazon Prime zur Serie verwurstet wurde und nun von einer Comicumsetzung begleitet wird. Ob die Umsetzung in sechs Bänden taugt oder ob man lieber beim Roman bleibt, erfahrt ihr natürlich hier!

 

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„Stell dir vor, es ist Ragnarök, und keiner geht hin.“

Bei Shadow läuft´s einfach nicht. Nicht heute, in der Vergangenheit auch nicht und die Zukunft sieht auch nicht unbedingt rosig aus. Zu Beginn des Comics sitzt der dunkelhäutige Protagonist mit den eisblauen Augen im Knast und sitzt die letzten Tage seiner Haftstrafe ab. Aber ein Gutes hat die Sache, denn er ist nicht gänzlich allein. Zu Hause warten seine geliebte Frau Laura und ein guter Kumpel hat ihm auch schon einen Job in Aussicht gestellt. Klingt eigentlich so, als hätte Shadow die Lage im Griff.

Aber wie schon erwähnt, Shadows Pechsträhne reißt nicht unerwartet ab. Am Entlassungstag erfährt er nicht nur, dass Laura und sein Kumpel eine Affäre hatten, sondern auch, dass beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Das zieht Shadow natürlich den Boden unter den Füssen weg.

Während seines Rückflugs in die Heimat trifft er auf den geheimnisvollen Mr. Wednesday, der Shadow deutlich besser zu kennen scheint, als ihm eigentlich zustünde und ihm im selben Zug auch noch einen Job als Leibwächter anbietet. Da der Protagonist eigentlich keine Alternative hat, lässt er sich von den Ereignissen mittragen und nimmt den Job an, worauf ein Roadtrip quer durch die USA beginnt, bei dem zahlreiche reale Orte besucht werden.

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Gute Götter, schlechte Götter

Soweit, so vermeintlich mondän. Denn Shadows Reise verlässt jetzt langsam aber sicher den gewohnten Krimikurs und wird zum verrückten Trip voller Mythenwesen, Göttern und denen, die es noch werden wollen. Zwar ist Shadow durchgehend die Hauptfigur und man erlebt die Handlung von American Gods stehts aus seiner Perspektive, aber er gibt gerne auch mal das Szepter ab. Denn seit seinem, nur scheinbar zufälligen, Treffen mit Mr. Wednesday trifft der Protagonist immer wieder auf andere Bekannte seines Arbeitgebers. Und eben diese Treffen, in denen die anderen Charaktere in den Mittelpunkt rücken und fast schon episodenhaft ihre eigenen Geschichten erzählen, sind das Herzstück des Romans und des Comics. Diese Episoden aus ungewohnter Perspektive decken dabei ein breites Spektrum an Geschichten ab. Manche, wie die Geschichte des Mr. Nancy, der ein afrikanischer Gott ist, sind erzählen eine lustige Geschichte, die deutlich von afrikanischen Ursprungsmythen inspiriert ist und von der Vergangenheit erzählen. Andere Geschichten sind von deutlich anzüglicherer Natur. Die Geschichte des Ifrit, der einen ausländischen Handelsvertreter verführt scheut sich auch nicht vor der expliziten Darstellung von homoerotischer Liebe.

Durch eben diese Geschichten, in denen die alten Götter um Anerkennung in der Gegenwart kämpfen, erwacht die Welt von American Gods zum leben. Nicht zuletzt, weil Gaiman viele bekannte Mythenwesen geschickt durch sprechende Namen verschleiert, wird der Leser immer wieder überrascht und hervorragend unterhalten. Um eben diese Überraschung beim Leser zu bewahren möchte ich auch bei der eigentlichen Handlung nicht weiter ins Detail gehen, es lohnt sich schlicht zu sehr sich das selbst zu gönnen.

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Eine überragende Geschichte mit schwankender Umsetzung

Dass Gaiman mit American Gods bereits eine hervorragende und mittlerweile sehr renommierte Vorlage geschaffen hat, wurde ja schon mehrfach erwähnt, da stimmt einfach alles. Etwas weniger blumig fallen die Lobeshymnen da allerdings bei der zeichnerischen Umsetzung aus. Wie man an den Bildern in der Rezension sehen kann, sind die Cover wunderschön detailliert mit stimmungsvollen Farben und einer ganz eigenen Atmosphäre. Die Lobeshymnen setzen aber aus, sobald man den eigentlich Comic aufschlägt, denn die Qualität schwankt mehr, als der alkoholkranke Leprechaun aus dem ersten Band. Insbesondere der Anfang, in dem Shadow noch als Gefängnisinsasse in der tristen Umgebung des Betonklotzes gefangen ist, erscheint irgendwie weggespart. Die Linien sind gerade und die Farben fast ohne Verläufe einfach draufgeklatscht. Wie extrem das teilweise aussieht, kann man an dem Bild am Ende ziemlich gut erkennen. Der Zeichner hat es ja offensichtlich drauf, die Proportionen und Bewegungen der Charaktere sind gut, aber eben auch nicht mehr. Und so leidet die hervorragende Geschichte etwas unter dem Artstyle, der American Gods Handlung einfach nicht ganz gewachsen ist. Abgemildert wird der manchmal etwas durchwachsen wirkende Zeichenstil aber immer dann, wenn das Fantastische in den Vordergrund gerückt wird. Wenn die alten Götter ihre Tricks spielen lassen, verwandelt sich American Gods in einen farbenfrohen Acidtrip und ist dort dann optisch zwar nicht wirklich wunderschön, aber doch gut genug um die Atmosphäre zu stützen.

Nichts zu meckern hingegen gibt es bei der Umsetzung von Seiten des Splitterverlags. Die Übersetzung von Gerlinde Althoff überträgt die Stimmung mehr als angemessen, zu keinem Zeitpunkt fühlt sich die Handlung gekünstelt oder gestelzt übersetzt an. Lokalisierungen sind ja ein Steckenpferd von mir und nach dem Englischstudium bin ich da vielleicht sogar kritischer als nötig wäre, hier kann ich aber nur Lob ausgeben! Ebenso lobenswert ist die Qualität des Drucks, das Papier ist schön dick und wertig, die Covergestaltung super und ganz sicher keine Schande für das heimische Bücherregal. Ebenso toll ist der Umfang, für knapp 20€ kriegt man hier rund 150 Seiten inklusive den amerikanischen Variantcovern und Skizzen und Zeichnungen, die Einblicke hinter die Kulisse ermöglichen. Mag nicht jeder, aber mir macht sowas immer Spaß.

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  • Story
  • Setting
  • Artwork
4

Fazit

Ich war selten so hin und hergerissen. Ich kenne und schätze die Buchvorlage sehr und der Comic hält sich extrem nah an das Buch. Gleichzeitig ist aber das Artwork extrem schwankend. Die Cover sind allesamt überragend, der Stil im eigentliche Inhalt hält da aber nicht mit und schwankt da qualitativ zwischen okay und schlecht. Und trotzdem gelingt es American Gods den Leser in seinen Bann zu ziehen. Die Mischung aus Mythologie und Road Movie, gepaart mit starken Dialogen und glaubwürdigen Charakteren funktioniert einfach super. Wer über die mäßige Optik nicht hinwegsehen kann, verpasst eine starke Geschichte, sollte dann aber unbedingt zum Roman greifen. Aber auch so kriegt man eine tolle Geschichte zu einem angemessenen Preis, die ich jedem mit gutem Gewissen weiterempfehlen würde.

ISBN:  978-3-96219-001-9

Umfang: 144 Seiten, farbig

Maße: 12×18

Hardcover

Preis: EUR 19,80, erschienen bei Splitter Verlag

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