Blair Witch in der PC Review: Ding-Dong die Hex` ist tot?

20 Jahre ist es her, dass der Indie Film Blair Witch Project quasi das  Found-Footage-Genre erfunden hat. 19 Jahre ist es her, dass es die letzten Videospiele des Franchises gab. Zeit für einen Neuanfang? Das dachten sich zumindest die polnischen Entwickler von Bloober Team und schicken den Spieler auf die Spuren der Blair Witch.

©Bloober Team

Ein Mann und sein Kampf gegen innere Dämonen und reale Hexen

In Blair Witch schlüpfen Spieler in die Haut von Ellis, einem Ex-Cop, der sich einem Suchtrupp anschließen will, der einen vermissten Jungen im Black Hills Forest finden will. Falls es da nicht sofort klingelt, der Black Hills Forest ist der, in dem auch die Gruppe von Jugendlichen im Film Opfer der Blair Witch wurden. In welche Richtung es geht, ist also klar, im Gegensatz zu der Frage wo der Junge hin ist und wieso er überhaupt alleine in dem ausschweifenden Waldgebiet unterwegs war. Gleichzeitig geht es in Blair Witch aber nicht nur um die namensgebende Hexe und die Suche nach dem Jungen, die Spieler erkunden auch Ellis Vergangenheit. Ellis ist nämlich, wie es sich für das Genre des Psycho-Horrors gehört, ein Charakter mit dubioser Vergangenheit. So findet man im Verlauf des Spiels sowohl Hinweise auf das Verschwinden des Jungen, als auch Informationen über Traumata, die zu Ellis Ausschluss von der Polizei führten.

Dabei ist Ellis aber nicht ganz alleine, denn neben seinem Handy und einem Funkgerät, wird er von seinem Hund Bullet begleitet. Das Spiel kommt weitgehend ohne HUD aus, denn die Rolle wird weitgehend von Bullet übernommen, denn ihm kann man nicht nur Befehle geben oder ihn kraulen, der Hund wird auch nicht im selben Ausmass von der Magie der Hexe beeinflusst. Er bellt, wenn die Hexe oder ihre Schergen sich nähern, er kann die Richtung in der es weitergeht erschnüffeln und so rettet er regelmäßig Ellis` geistige und körperliche Verfassung. Und das ist auch bitter nötig, schließlich wäre Blair Witch nicht Blair Witch ohne die namesgebende Hexe und die macht sich im Verlauf des Spiels auf verschiedene Arten bemerkbar.

©Bloober Team

Gruseln in der Ego-Perspektive

Gesteuert wird das Spiel aus der Ego-Perspektive, man erlebt das Abenteuer also direkt aus Ellis‘ Augen. Der schlägt sich gleich zu Beginn das Spiels mit den Widrigkeiten der späten 1990er Jahre herum, denn er verliert direkt den Handyempfang. Hier sieht man übrigens Bloober Teams Auge für Details, denn das Handy ist ansonsten voll funktionstüchtig und hat sogar spielbare Games installiert. Aber Ellis ist nicht hier um den Snake Rekord zu knacken, also betritt man ,nach einem kurzen Zwischenspiel auf einem Parkplatz, den Wald. Hier fällt übrigens direkt eine Verbesserung zu unserer Gamescom Preview auf, denn hier ist das Pacing deutlich besser gelungen, man verliert sich langsam in dem Wald und gibt dem Spiel so mehr Zeit Atmosphäre aufzubauen.

Nichts geändert hat sich an der Steuerung. Am PC merkt man sofort, dass das Spiel für Konsolen konzipiert zu sein scheint. Zwar geht die Steuerung an sich leicht von der Hand, das Buttonlayout macht auch Sinn, aber das Umschauen per Maus ist ungewohnt hakelig. Auch die Kritik an der Optik kann in der Vollversion nicht von der Hand gewiesen werden. Das Spiel sieht, speziell auf Screenshots eigentlich ziemlich gut aus, den der Artstyle, der sehr düster ist fängt den Wald und die Stimmung super ein. Der Wald, der ein Kernelement des Spiels ist, lädt auch direkt zum Verlaufen ein. Das passiert dem Spieler auch recht schnell, denn zum einen ist die Vegetation dicht, zum anderen sind unsichtbare Wände an der Tagesordnung, welche die Orientierung nicht vereinfachen. Dafür ist aber ohnehin Bullet gedacht und der liefert auch schon den nächsten Kritikpunkt. Der Hund ist nämlich ziemlich unspektakulär animiert und wirkt dadurch komplett künstlich. Das ist umso mehr schade, als dass man dem Hund über weite Strecken des Spiels folgen muss, da er die Witterung des Jungen hat. Die Wegfindung hat dazu leider auch noch eine verbuggt wirkende Programmierung erhalten, oft bleibt der Hund grundlos stehen oder triggert das Weitersuchen nicht, obwohl er es sollte. Dazu gibt der Hund in der Regel den Weg vor, das Spiel ist in der Hinsicht sehr railroady, bis auf die Momente, wo es von dem Konzept abweicht und man sich als Spieler ständig verläuft und dadurch mehr genervt, als gestresst wird. Immer wieder ertappt man sich als Spieler dabei, dass man eigentlich keine Ahnung hatte, was überhaupt zu tun ist. Dabei gibt es weite Strecken, wo das Spiel einfach funktioniert. Immer wieder ertappt man sich dabei, wie man Büsche für Personen hält und gerade nachts wird der sehr weite Wald ziemlich eng, wenn man nur in seinem kleinen Lichtkegel sehen kann, was überhaupt los ist.

©Bloober Team

Found-Footage und andere Flashbacks

Legt man sich mit Hexen an, wird es gegnerbedingt übernatürlich und weird. Da ist natürlich auch die Blair Witch keine Ausnahme. Immer wieder trifft man als Spieler auf mysteriöse Totems, die Bullet Angst einjagen und Fotos von Personen zeigen, deren Identität man nicht kennt. Zu allem Überfluss stimmt etwas mit der Zeit nicht. So erlebt Ellis Flashbacks, die ihn an den Krieg und seine posttraumatische Belastungsstörung erinnern, dabei trifft er auf Menschen, deren Gesichter er nicht erkennt oder der Spieler verläuft sich im Wald und erscheint plötzlich an bereits besuchten Orten wieder. Auf die Spitze getrieben wird die Zeitspielerei durch einen Camcorder, den Ellis mitten im Wald findet. Mittels roter Tapes kann er sich Aufnahmen anschauen, an der richtigen Stelle das Video stoppen und so die Realität verändern. Dabei fühlt man sich ein bisschen an die Detektivarbeit in den Batman Arkham Spielen erinnert, ohne selbst ganz so mutig zu sein wie der Dunkle Ritter. Durch die Rätsel löst man also gleichzeitig den Fall des verschwundenen Jungen, als auch die Frage um Ellis` Vergangenheit. Darin präsentiert Blair Witch auch seine Stärke, denn in seinem Kern ist das Horrorspiel auch ein Erzählspiel, das eine gute Geschichte erzählt.

Ganz ohne Kampf läuft Blair Witch aber auch nicht, auch wenn das Element in dem Spiel keine Hauptrolle spielt. Ellis hat nämlich keine Waffe, dafür ist er mit seiner treuen Taschenlampe ausgestattet. Mit ihr und Bullets Hilfe kann er die Ungeheuer im Wald vorläufig vertreiben.

©Bloober Team
  • Story
  • Grafik
  • Gameplay
  • Umfang
3.6

Summary

Blair Witch liefert etwas, was vielen Lizenzspielen oft misslungen ist: Eine gelungene Adaption des Ursprungsmaterials in ein anderes Medium. Die polnischen Entwickler haben sich die Kernelemente der Vorlage herausgenommen und ganz eigenständig zu einem gelungenen Horrorspiel zusammengekocht.

Blair Witch erzählt eine gute Geschichte und schafft es dem Spieler durchgehend ein bedrückendes Gefühl in den Nacken zu setzen. Die Technik kann mit AAA-Titeln nicht mithalten, aber den Anspruch hat das Spiel auch gar nicht und kommt von Haus aus mit einem fairen Preis. Das gilt übrigens auch für den Umfang, denn mit rund 5 Stunden ist Blair Witch eher ein kurzweiliger Spaß, aber als Spieler fühlt sich die Länge schlicht angemessen an.

Horror-Fans ist das Spiel voll zu empfehlen, Leute die sich allerdings ungerne gruseln haben hier keinen geeigneten Einstieg ins Genre.

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