Comic Review: Deadly Class 1- Ohne Nostalgie zurück auf die Schulbank

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Mit der Brechstange zurück auf die Schulbank

Machen wir uns mal nichts vor: wenig ist im Leben eines Menschen so einprägend wie die Schulzeit. Vermutlich nie wieder wird man als gesetzestreuer Bürger in eine Institution verfrachtet, in der man um Erlaubnis bitten muss um sprechen zu dürfen oder auf Toilette zu gehen. Man wird von Älteren zu neuen Regeln gezwungen, wird mit Fächern konfrontiert, die einen das Fürchten lehren können. Gleichzeitig spielen die eigenen Hormone verrückt und dann sind da auch noch die Mitschüler. Aus Sicht des typischen Comiclesers wohl kein unbekanntes Szenario, für den Autoren Rick Remeder (Venom, Fear Agent, Low) also das perfekte Setting für seine Geschichte. Außerdem veröffentlicht Cross Cult den ersten Sammelband Deadly Class – Die Akademie der tödlichen Künste  pünktlich zum Start der Serienumsetzung auf SYFY.

Rick Remeder erzählt, unterstützt durch Wesley Craig (Zeichnung) und Lee Loughridge (Colorierung) eine düstere Coming of Age-Story, die den Leser mit sich in eine krude Version der Schulzeit in 80er reißt.

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Englisch, Mathe, Messerkampf

Marcus Lopez ist alles andere als ein Glückspilz. Der Teenager lebt, als Kind von illegalen Einwanderern, auf den Straßen San Franciscos. Dort führt er ein hartes Leben umgeben von Armut, Verfall und Selbstmordgedanken. Doch all das ändert sich, als er auf eine Gruppe Jugendlicher trifft, die von einem mysteriösen Meister Lin angeführt werden.  Dieser macht dem jungen Hauptdarsteller ein einzigartiges Angebot: Er will ihn in eine Schule aufnehmen. Die King`s Dominion Akademie der tödlichen Künste zeigt aber bereits in ihrem wenig subtilen Namen, dass sie keine Wald-und-Wiesen-Gesamtschule ist. Unter der Leitung von Meister Lin werden hier nämlich Assassinen ausgebildet. Für die meisten Schülerinnen und Schüler ein Weg der Tradition, oft senden schon Generationen von Gangsterfamilien ihre Sprösse auf eben diese Schule. Doch Marcus entstammt nicht einer solchen Familie und startet so auf die neue Schule gleich als Aussenseiter. Garniert wird das ganze mit typischen Klischees des Highschool Dramas, denn natürlich gibt es auch hier verschiedene Cliquen, mal mehr, mal weniger furchteinflössende Lehrpersonen und auch das obligatorische Liebesdreieck.

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Wenn Scott Pilgrim ein Misantroph wäre

Und so beginnt der Schulalltag. Während man Fächer wie Enthaupten und Gifte noch durchsitzen kann, beginnt der echte Horror in der Mensa. Umgeben von anderen Teenagern, die den Neuling auf seine Grenzen testen wollen, wird schnell klar, dass Marcus sich absichtlich abgrenzt um vergebens ein Geheimnis zu bewahren. Denn ziemlich schnell macht das Wort die Runde, dass Marcus nur einen Wunsch hat: Rache zu nehmen an Ronald Reagan, dem aktuellen Präsidenten. Ihm gibt der Teenager die Schuld an seiner Misere. Noch dazu kommt natürlich der alltägliche Schulstress, wie beispielsweise die allseits unbeliebten Hausaufgaben und Gruppenarbeit. Und Marcus wird gleich mit beidem konfrontiert, denn im Unterricht Schwarze Künste hat er die Aufgabe bekommen mit einem Partner eine beliebige Person zu töten, die den Tod dann gleich auch noch verdient haben muss. Vielleicht war Vokabeln lernen ja doch nicht so wild…

Soweit könnte die Handlung astrein aus einem x-beliebigen Manga gestohlen sein, aber Remeder geht die Sache anders an. Anstatt die Schüler nun immer stärker werdenden Feinden entgegenzustellen, während sie gleichzeitig versuchen die Schulbank zu drücken, entführt er Marcus und den Leser auf einen postmodern anmutenden Roadtrip. Der Autor spielt mit Farben, Erwartungen und Zeitsprüngen, zeigt gleichzeitig die Verletzlichkeit des Helden, wie auch seine fast mühelose Manipulation seiner Schulkameraden und Opfer. Im weiteren Verlauf kommt es dann auch zu einem herrlich dargestellten Kniefall vor Hunter S. Thompsons Fear & Loathing in Las Vegas, verquickt mit der Gewalt von Natural Born Killers und Remenders eigenem, zynischen Humor.

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Ronald Reagan & The Smiths? Alles eine Frage der Darstellung

Dem Autoren und seinen Künstlern ist hier echt ein großer Coup gelungen, denn eben die vorhin schon angesprochene postmodern angehauchte Grundstimmung ist das, was Deadly Class trotz des trivialen Plots zu einem verdammt guten Comic macht. Und das gelingt nur durch die Zusammenarbeit eines guten Teams. Remeder hat tiefe Charaktere geschaffen, die sich mit eigener Kraft aus der Gosse herausarbeiten wollen und mit Ängsten und Problemen kämpfen, die manchmal unbesiegbar erscheinen. Und es vermutlich auch sind. Ein herrliches Beispiel ist die Szene in der Marcus auf einem Acidtrip aus dem Fenster springt, um nicht vom Ex(?)-Freund einer angehenden Affäre getötet zu werden. Während er eigentlich innerhalb weniger Sekunden herabstürzt, sinniert der Protagonist über 15 Panels darüber nach, ob die Affäre es eigentlich wert gewesem wäre, über sein Schicksal als Jungfrau und seine Gefühle zu einer anderen Mitschülerin. Abgerundet wird das dadurch, dass er sich mitten im Flug selbst fragt, ob er sich gerade in der richtigen Situation für diese Sorgen befindet, schließlich könnte der Landepunkt auch eine Halluzination sein.

Dieses Gefühl von Hoffnungslosigkeit gelingt neben den starken Texten aber auch durch die Bilder. Die Charaktere sind realistisch gezeichnet, die Grafiker wagen aber auch abstruse Panels, die mit surrealen Bildern und psychedelischen Farben überzeugen. Gleichzeitig wird viel mit Filtern gearbeitet, um die Stimmung zu verändern. Unterstrichen wird das ganze durch das Setting in den 1980ern. Die Charaktere müssen ohne Handys und dem Internet auskommen, es gibt Anspielungen und Referenzen zu Musikern wie The Smiths und The Greatful Dead, alles ist düster und alles passt ganz wunderbar.

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Deadly Class
  • Story
  • Artwork
  • Setting
4.3

Summary

Deadly Class erinnert einen zunächst an ähnliche Werke, speziell Mark Millar hat mit Wanted oder Secret Service die Geschichten rund um einen Schuljungen mit eigenartiger Schulbildung bereits erfolgreich durchexerziert. Aber Deadly Class ist mehr als ein Abklatsch, Deadly Class ist selbst ein Pageturner. Ich habe das erste Abenteuer rund um Marcus fast am Stück durchgelesen und wurde dabei hervorragend unterhalten. Das mag daran liegen, dass mir als Lehrer das Schulsetting irgendwie am Herzen liegt, dass ich selber in den 80er geboren bin und somit nostalgisch an diese Zeiten denke und die Rolle als Aussenseiter ist wohl jedem Comicfan mehr oder weniger bekannt. Ich bin also die perfekte Zieldemographie für Remenders Werk. Trotzdem geht Deadly Class über das herumreiten auf Klischees hinaus, denn die Handlung, die aus einem beliebigen Manga herausgerissen scheint, wird mit düsteren Dialogen und der dazu passenden Atmosphäre wird gelungen erzählt. Remender erzählt eine Coming-of-Age Story, die so niemand erlebt hat, auch nicht erleben will. Aber darüber lesen? Unbedingt!

ISBN: 78-3-959811-81-1

Umfang: 176 Seiten, farbig

Maße: 16×24 cm

Softcover

Preis: EUR 16,80, erschienen bei Cross Cult

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