Comic Review: Gerard Way; Gabriel Bá – The Umbrella Academy Bd. 1 – Weltuntergangs-Suite

© Cross Cult

EIN ROCKSTAR MACHT COMICS

Eifrigen Comic-Lesern braucht man zur The Umbrella Academy-Reihe vermutlich nicht viel sagen.  Das Debüt, das auf den klangvollen Untertitel „Weltuntergangs-Suite“  (im Englischen „Apocalypse Suite“) hört und von My Chemical Romance-Frontmann Gerard Way erdacht worden ist,  erschien als Mini-Serie in 6 Bänden via Dark Horse Images bereits zwischen 2007 und 2008 und staubte anno dazumal den Eisner Award für die „Beste Abgeschlossene Serie“ ab.  Zwischen November 2008 und April 2009 folgte dann der zweite Run „Dallas“, bevor letztes Jahr schließlich nach einer knapp 9-jährigen Kreativen Pause die dritte Miniserie mit dem Untertitel „Oblivion Hotel“ erschien, die hierzulande seit dem 27.09.2019 ebenfalls über das Cross Cult Label erhältlich ist (eine Review dazu folgt in Kürze). In Deutschland dürfte die Reihe spätestens mit der Netflix Originals-Serie im Mainstream angekommen sein, die im Februar dieses Jahres ausgestrahlt worden war und bekanntlich für eine zweite Staffel verlängert wurde.  Die beiden letztgenannten Punkte sind es schließlich auch, die dazu geführt haben, dass wir uns auch die ersten beiden Sammelbände von Cross Cult noch einmal genauer anschauen. An dieser Stelle herzlichen Dank an Cross Cult für die Bereitstellung der beiden Vorgängerbände in der „Neuen Edition“, die grafisch und formattechnisch an die jüngste Veröffentlichung im HC 16×24 Format angepasst wurden, nachdem die alten kompakteren HC 14×21 Fassungen offiziell verlagsvergriffen sind.

Gerard Way ist durch und durch Comic-Nerd – Man merkt an jeder Stelle, dass Umbrella Academy nicht das Eitelkeitsprojekt eines gelangweilten Rockstars ist, sondern dass Way schon vor seiner erfolgreichen musikalischen Karriere mit My Chemical Romance fixer Bestandteil der (New Yorker) Comic-Industrie war – Im Kern setzt gerade der erste Band auf viele popkulturell bekannte Versatzstücke: Ein herannahendes Weltuntergangs-Szenario, beschworen durch eine Gruppe durchtriebener Kultisten und ein Superhelden-Team, das eben jenes verhindern soll. Business as usual. Aber was Umbrella Academy eben auch ist: Eine mitunter ziemlich dysfunktionale Familiengeschichte. Ein explosiver und zeitweilig sehr krawalliger Cocktail aus unzähligen Zitaten und Querverweisen auf Pop- und Comickultur, befeuert durch den sehr rotzigen und dynamisch-verspielten grafischen Überbau vom brasilianischen Artist Gabriel Bá.

DYSFUNKTIONALE FAMILIENGESCHICHTE

Die Prämisse des ersten Bandes deckt sich mit der Einführungssequenz der Netflix-Serie: Irgendwo auf der Welt werden 43 Kinder zeitgleich unter reichlich obskuren Umständen geboren, denn: Die Mütter der  Säuglinge waren noch am Morgen desselben Tages kurioserweise nicht einmal schwanger.  Der ebenso exzentrische wie wohlhabende Industrielle Sir Reginald Hargreeves – tatsächlich schlummert unter der menschlichen Hülle ein Außerirdischer – erahnt in den Kindern ein ungemeines Potential und macht sich auf die global ausgeweitete Suche nach ihnen, um sie unter seine Fittiche zu nehmen.

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© Cross Cult
© Dark Horse Images
© Gabriel Bá, Gerard Way

Dem selbsternannten Philanthropen gelingt es, sieben der Kinder ausfindig zu machen und ihrer habhaft zu werden:  Mittels eines harten Trainings und einer von emotionaler Kälte geprägten denn fürsorglichen Beziehung zu ihnen wird aus den übermenschlich- und übernatürlich begabten Kids Luther (aka Space Boy, Nummer 1), Diego (aka Kraken, Nummer 2 ), Allison (Rumor, Nummer 3 ), Klaus (Séance, Nummer 4),  Five (Nummer 5), dem verstorbenen Ben (Nummer 6) und Vanya (alias Nummer 7) schließlich die sogenannte Umbrella Academy – eine Vereinigung zur Rettung der Menschheit. Ihre eigentlichen „bürgerlichen“ Namen erhalten sie erst von ihrer „Mutter“ – einer liebevollen, von Hargreeves konstruierten Androidin, die nebst dem hochintelligenten Schimpansen Pogo als emotionaler Ankerpunkt fungiert. Reginald selbst regiert die Familie mit eiserner Hand: Er spricht seine Zöglinge nur mit ihrer Nummer an und verweigert auch die Adressierung als „Vater“ oder „Dad“, sondern fordert die Verwendung des Decknamens „The Monocle“

Doch die extravagante und eher dysfunktionale Patchwork-Familie bricht zusehends auseinander: Während der raum- und zeitübergreifende Teleporter Five sich mit etwa 10 Jahren (in der Netflix-Serie mit 13) in die Zukunft verkrümelt, hat der mit den Toten kommunizierende Klaus/Séance etwa später mit allerlei Suchtproblemen zu kämpfen –Der ewig loyale Luther oder auch Space Boy wird nach einer tragischen Mission schwer verletzt, und bekommt von Hargreeve den Körper eines marsianischen Gorillas verpasst und bewohnt als einsamer Hüne für einige Zeit den Mond – wie aber später bekannt wird, nicht als Teil einer Mission, sondern weil Hargreeve seinen Anblick nicht mehr ertragen konnte. Ihn verbindet eine Rivalität zum draufgängerischen Kraken (der unter Wasser atmen kann und darüber hinaus auch diverse Stealth- und Messerwurf-Techniken beherrscht) und ein romantisches Interesse an Allison/Rumor (Superkraft: Ein ausformuliertes Gerücht wird zur objektiven Wahrheit, eingeleitet durch die Formulierung „Ich habe gehört, dass…“) – Ein wenig abseits des Ganzen befindet sich die unscheinbare Vanya alias Nummer 7, die scheinbar keine besonderen Fähigkeiten mit sich bringt, außer ihr Gespür für Musik und deshalb in den zahlreichen Missionen für das Team nicht mitretten darf – Die begnadete Geigerin hat sich mit der Zeit von ihrer Familie entfremdet und stattdessen ein wenig schmeichelhaftes Buch über ihr Leben in der Umbrella Academy  veröffentlicht.

Der 6 Hefte umfassende Sammelband umspannt dabei mehrere Dekaden: Von der Geburtsstunde der Umbrella Academy, über einen Kampf der Kids gegen einen wahnsinnig gewordenen Eiffelturm (ja, richtig gelesen!), der von einer zombiesken Robo-Variante von Gustave Eiffel orchestriert wird,  und an dessen Ende es zur Belohnung eine Kugel Eis gibt, kristallisiert sich im späteren Verlauf schließlich sowas ähnliches wie der eigentliche Plot Point heraus – mit dem Freitod Hargreeves, der eine Zusammenkunft seiner einstigen Familie nur dann kommen sah, wenn es um dessen Bestattung gehe.  Denn, wie sollte es anders sein, geht es abermals nicht weniger als um das Schicksal der Welt.

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© Gabriel Bá, Gerard Way

Ein aus maskierten Orchester-Musikern bestehender Kult, Das Orchester der Verdammten, leitet nämlich die Weltuntergangs-Suite ein, deren elementarer Bestandteil die bis dahin unscheinbare Vanya ist. Denn entgegen der bisherigen Annahme, dass die Violinistin keinerlei Kräfte beherberge, sind diese, ganz im Gegenteil, sogar extrem destruktiv.

Der erste Band war für mich eine Herausforderung – Das Tempo ist nämlich extrem schnell, mit einer Vielzahl an nerdigen Zitaten, Anspielungen und ziemlich krudem Humor auf der Meta-Ebene garniert, die einem als Leser förmlich um die Ohren geschossen werden.  Ich habe zuvor lediglich die Netflix-Umsetzung gesehen, die ich als wesentlich geerdeter, aber eben auch konventioneller empfunden habe. Geistiges Vorbild dürfte hier in jedem Falle der schottische Comickünstler Grant Morrison gewesen sein, der ebenfalls dafür bekannt ist, ziemlich abwegige und groteske Elemente in einem beinahe nebensächlich-beiläufigen Ton als Selbstverständlichkeit zu etablieren – ganz im Zeichen postmoderner Erzählkunst. Es ist demnach auch kein Zufall, dass eben jener Morrison, der Ende der 80er etwa das Doom Patrol-Franchise betreute, beim ersten Band das Vorwort geschrieben hat, und dass Gerard Way sich in Kooperation mit Nick Derrington seit 2017 ebenfalls an den Doom Patrol-Comics beteiligt (übrigens ganz frisch als Serienadaption bei Amazon Prime zu sehen, what a time to be alive).

Umbrella Academy
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© Gabriel Bá, Gerard Way

Die quirlige Erzählung und die teils recht grotesken Sidestories haben mich häufig an das Videospiel Killer is Dead des Japaners Suda51 erinnert, bei dem der Executioner Mondo Zappa gegen so hanebüchene Widersacher wie eine wildgewordene Sowjet-Dampflok oder einen zum Kaiju mutierten Wissenschaftler bekämpfte, der die Erde gestohlen hat. Umbrella Academy fühlt sich im Comicformat zwar wesentlich lebendiger und zwangloser an, sprüht von mehr kreativem Elan, gleichzeitig bleiben mir die Helden Academy aber erzählerisch zu vage. Die einzelnen Hefte springen chronologisch hin- und her, es werden permanent Details aufgegriffen und wieder fallengelassen. Dass Sir Reginald Hargreeves etwa ein Alien ist, wird in einem kurzen Nebensatz angerissen und dann nie wieder angesprochen. Und auch die familiären Konflikte werden eher schnell abgehandelt – Während man sich in der Serie mit Vanya (gespielt von der immer noch grandiosen Ellen Page) identifizieren konnte, vollzieht sie im Comic die Wandlung eher rasch – Zweifel und Selbstreflektionen werden eher in einzelnen Plots angedeutet. Bei dem ganzen skurrilen Cast, der Action, den Zeitsprüngen und dem fast schon stream-of-consciousness-artigen Plotting bleibt die Charakterentwicklung und eben die verqueren Familiendynamiken ein wenig auf der Strecke, was ich recht schade finde. Umbrella Academy liest sich schnell im Sinne von hektisch, und erfordert aber gleichzeitig ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit, wenn man wirklich durchsteigen will.  An dieser Stelle ein kleiner Ausblick auf die Reviews zu den Nachfolgebänden: Sowohl „Dallas“ als auch „Hotel Oblivion“ habe ich als fokussierter empfunden und hatte mit den Nachfolgebänden folglich h auch mehr Spaß. Allerdings anerkenne ich beim Debüt bereits die Cleverness hinter dem Ganzen.

DAS RESERVOIR DOGS UNTER DEN GERARD WAY-VERÖFFENTLICHUNGEN

Denn die Dialoge sind bissig. Die Panelaufteilungen wagemutig. Die Charaktere regelrecht durchgeknallt.  Müsste man einen Tarantino-Vergleich anstellen, dann ist die Weltuntergangs-Suite das Reservoir Dogs unter den Bänden. Es lässt erkennen, dass man es hier mit einem ziemlich versierten Autoren zu tun hat, aber es wirkt alles noch bissl rough im Vergleich zu den späteren Veröffentlichungen.

Hervorragend hat mir der Zeichenstil von Gabriel Bá gefallen – Wie eingangs erwähnt, ist dieser extrem dynamisch und rotzig und passt hervorragend zur krawalligen Ausrichtung der Erzählung. Während der Look der Serie beinahe etwas unterkühlt daher kommt, arbeitet der brasilianische Künstler mit warmen und knalligen Farbtönen, geizt nicht mit Details und bleibt häufig trotzdem cartoonesque-simpel. Bá kannte ich bereits vor Umbrella Academy, da ich das letztes Jahr über Panini erschienene Daytripper, das er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Fabio Moon erschaffen hat, außerordentlich gut gefallen hat.

Wo er sich bei Daytripper aber bewusst zurückgehalten hat und einen poetischeren Ansatz wählte, durfte er sich bei Umbrella Academy, mit dem er vor zehn Jahren wohl zum ersten Mal so richtig prominent aufgefallen war, richtig austoben. Bá beherrscht sowohl die knuddelig-cartoonigen Momente, als auch die blutig-brachialen Sequenzen. Und obgleich mich der erste Band zumindest narrativ noch nicht so ganz abholen konnte, hat mich das Ganze zumindest auf künstlerischer Ebene doch gecatcht.

Fazit:

My Chemical Romance-Fronter Gerard Way wusste bei Umbrella Academy was er tut – Er bedient sich fleißig beim klassischen Superhelden-Genre und vermengt und verkeilt fleißig unzählige Zitate aus Literatur- Film- Musik- und Comickultur mit- und ineinander und ballert mit irrwitzigem Tempo durch die dysfunktionale Familiengeschichte der Hargreeves. Kreativ sind dabei keine Grenzen gesetzt. Nicht alle Einfälle zünden dabei –und an der Unmittelbarkeit tragen mitunter auch die bissigen und impulsiv geschriebenen Dialoge sowie die Charakterentwicklung ihre Kosten. Die Krawalligkeit der Erzählung ist gleichzeitig erfrischend und zermürbend, wirkt in ihrer Gesamtheit aber ein wenig unfokussiert – Sie ist gleichzeitig superkurzweilig, aber auch extrem fordernd und hektisch, da viele relevante Ereignisse nur ganz beiläufig in Nebensätzen angerissen werden. Das machen vor allem „Dallas“ als Nachfolgeband, aber auch der jüngste Teil „ Hotel Oblivion“ m.E. deutlich besser. Hier hätte ich mir schlicht mehr Mut zur Stille gewünscht. Die Zeichnungen wirken dem Tempo gemäß rotzig und verspielt und sind für mich ein Highlight des ersten Bandes. Aber Gabriel Ba ist eben auch jemand, der mit Daytripper bewiesen hat, dass er auch die zartfühligen Momente grafisch hätte unterstützen können. Und gerade eine derart kaputte Familiengeschichte wäre für diese fließenden Wechsel prädestiniert gewesen.

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The Umbrella Academy Bd. 1 – Weltuntergangs-Suite

 

ISBN 978-3959811736

Umfang: 144 Seiten, farbig

Maße: 17,1 x 2,1 x 25 cm

Hardcover

Preis: EUR 22,00, erschienen bei Cross Cult

The Umbrella Academy Bd. 1 - Weltuntergangs-Suite
  • Geschichte(n)
  • Zeichnungen
  • Künstlerischer Stil
3.5

Fazit:

My Chemical Romance-Fronter Gerard Way wusste bei Umbrella Academy was er tut – Er bedient sich fleißig beim klassischen Superhelden-Genre und vermengt und verkeilt fleißig unzählige Zitate aus Literatur- Film- Musik- und Comickultur mit- und ineinander und ballert mit irrwitzigem Tempo durch die dysfunktionale Familiengeschichte der Hargreeves. Kreativ sind dabei keine Grenzen gesetzt. Nicht alle Einfälle zünden dabei –und an der Unmittelbarkeit tragen mitunter auch die bissigen und impulsiv geschriebenen Dialoge sowie die Charakterentwicklung ihre Kosten. Die Krawalligkeit der Erzählung ist gleichzeitig erfrischend und zermürbend, wirkt in ihrer Gesamtheit aber ein wenig unfokussiert – Sie ist gleichzeitig superkurzweilig, aber auch extrem fordernd und hektisch, da viele relevante Ereignisse nur ganz beiläufig in Nebensätzen angerissen werden. Das machen vor allem „Dallas“ als Nachfolgeband, aber auch der jüngste Teil „ Hotel Oblivion“ m.E. deutlich besser. Hier hätte ich mir schlicht mehr Mut zur Stille gewünscht. Die Zeichnungen wirken dem Tempo gemäß rotzig und verspielt und sind für mich ein Highlight des ersten Bandes. Aber Gabriel Ba ist eben auch jemand, der mit Daytripper bewiesen hat, dass er auch die zartfühligen Momente grafisch hätte unterstützen können. Und gerade eine derart kaputte Familiengeschichte wäre für diese fließenden Wechsel prädestiniert gewesen.

ISBN 978-3959811736

Umfang: 144 Seiten, farbig

Maße: 17,1 x 2,1 x 25 cm

Hardcover

Preis: EUR 22,00, erschienen bei Cross Cult

Über Martin Pilot 383 Artikel
27 Jahre jung, beschäftige ich mich schon nahezu mein ganzes Leben mit Videospielen und Videospielkultur. Erstmals in Kontakt gekommen mit dem Medium bin ich Anfang der 90er Jahre mit einem Commodore 64 von der Resterampe, wo ich ausgiebig Giana Sisters und die Turrican-Umsetzungen suchtete und immer ein bisschen neidisch zu den Amiga-Besitzern rübergeschielt habe. Mitte bis Ende der 90er Jahre war ich vordergründig im Sega-Lager unterwegs - Bis heute ist die Sega Dreamcast meine liebste Plattform (Shenmue *hrhr*). Ich studiere darüber hinaus Englisch und Geschichte auf Lehramt und bin von meinen Interessen generell sehr auf die Darstellenden Künste fokussiert (Musik/Film/Theater).

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