Comic Review: Jillian Tamaki – Grenzenlos

© Reprodukt © Tamaki, Jillian

Digitale Ödnis.

Erst kürzlich wurde die kanadische Künstlerin Jillian Tamaki auf der Comic Con im kalifornischen San Diego in der Kategorie „Graphic Novel – Reprint“ mit einem Eisner-Award für ihren Kurzgeschichtenband „Grenzenlos“ („Boundless“ im Englischen geehrt) bedacht. Und es ist nicht der erste der renommierten Comic-Oscars, den die Cartoonistin und Illustratorin, die derzeit in Toronto lebt, für sich verbuchen kann. Bereits mit der in Zusammenarbeit mit ihrer Cousine Mariko Tamaki koproduzierten Coming-of-Age Erzählung „Ein Sommer am See“ konnte sie eine der begehrten Auszeichnungen mit nachhause nehmen und zugleich auch in den Feuilletons hierzulande einen kleinen Hype entfachen. Nun war „Ein Sommer am See“ eine eher zärtliche Angelegenheit, die zwar durchaus auch einen fordernden Charakter hatte, im Kern aber trotz aller innewohnenden Schwere einen intimen und nahbaren Ton einschlug. Der Kurzgeschichtenband „Grenzenlos“ wirkt da gerade im unmittelbaren Vergleich zum genannten Werk sehr viel spröder und unbequemer, gleichzeitig angereichert mit einem subtilen lakonischen Humor. „Grenzenlos“ mit seinen neun autonomen Stories seziert die Befindlichkeiten und zeitgeistigen Abgründe der „Digital Natives“ und offenbart dabei die Grenzen der Grenzenlosigkeit – was bleibt ist die „Digitale Ödnis“ der Internetkultur.

RAUSCH UND WEHMUT

Dreißig ist das neue zwanzig. Wir leben in einer Zeit, in der man der Selbstfindung noch deutlich mehr Zeit einräumt als vor einigen Jahrzehnten. „Psychosoziales Moratorium“ nennt sich sowas im psychoanalytischen Metier und bezeichnet ein Ultimatum, ein stufenartiges Abschiednehmen von der Kindheit – es ist klar, dass es bei einer derartigen Vielfalt an potentiellen Lebensentwürfen manch einem schwerfällt, sich eine valide Identität zusammenzubasteln. Das Internet tut da sein Übriges hinzu: Die Welt ist klein geworden. Die Möglichkeiten nahezu unerschöpflich, „Grenzenlos“ eben. Es braucht häufig ein sinnstiftendes Totem, um sich ein wenig Halt in dem Chaos zu verschaffen: Sei es beinahe ritualisierter Exzess am Wochenende. Die obsessive Liebe zu obskuren Undergroundfilmen. Eine strategisch ausgeklügelte Social Media-Präsenz. Eine Affäre. Musik. Eine exklusive Community. Ein Schönheitsideal. Genau von diesen „sinnstiftenden“ Fillern zwischen Rausch und nostalgisch verklärter Wehmut handeln die Kurzgeschichten von Tamaki.

Die Weltstadt“ als Analogie zum großen sozialen, global umspannenden Netzwerk bildet den passenden Auftakt und einen expositorischen Ausblick auf die kommenden Geschichten. Dort heißt es direkt zu Beginn aus der Sicht des unbekannten Erzählers:

„Ich werde in eine Weltstadt ziehen. Dort bleibe ich, bis meine Mutter kommt und mich holt. Aufdiesen Straßen fühle ich mich beinahe wie ein Mensch. Ein neues Gesicht in der Menge. Willst du mein Freund sein? Willst du dir Kunst ansehen, nachts um zwei? Oder im Park einen Donut essen?“

Die Bildsprache dazu ist enigmatisch – poetisch und rätselhaft. Die Erzählung ist fordernd und hat etwas sehr abstraktes, lyrisch Verdichtetes an sich. Der Text ist häufig seitwärts angebracht und fordert auch mal das Buch umzudrehen. Harte Striche, wie aggressiv mit dem Kuli in den Collegeblock gescribbelt, bestimmen den symbolischen Gehalt: Ein Mensch mit Totenschädelhaupt erhellt mit einer einsamen Kerze den dunklen Raum. Engelsgleiche Wesen in anatomisch verzerrter Position. Schlangen und Tentakeln. Affen- oder Faultierähnliche Geschöpfe hangeln sich entlang der Bäume, die ein Panel weiter mit zahlreichen Kokonartigen Gebilden behangen sind. Das Verhältnis zwischen Wort- und Bild bleibt vage, geheimnisvoll und surreal.

© Reprodukt © Tamaki, Jillian

Man kann bloß erahnen, worum es geht: Im Internet ist scheinbar alles möglich, Im Zweifelsfall bietet die Parallelexistenz im unwirtlichen Netz doch einen Exit für den schnöden Alltag und ein zweites identitäres Standbein. Gut und Böse, das Menschliche und das Animalische, Lebensbejahung- und Verneinung – alles liegt hier in diesem Dschungel aus Nullen und Einsen dicht beieinander.

Und von dieser zweiten Existenz handelt etwa auch die Kurzgeschichte „1. Jenny“: Ein merkwürdiges Abbild eines bekannten Social Media-Portals taucht im Internet auf. Das „Spiegel Facebook“ enthält vermeintlich identische Profile der originären Vorbilder. Doch die Profile, die mit einer „1.“ vor dem Namen markiert werden, und deren Leben verhalten sich vollkommen antisymmetrisch zum realen Leben. Woher die Plattform kommt, ob es ein elaborierter Internettroll oder ob doch etwas Anderes dahintersteckt, vielleicht eine neue aus Versatzstücken des Internets zusammengeschusterte Form von Spam wird letztlich nicht geklärt und ist in der Story auch nicht von Belang.

Die namensgebende Jenny entwickelt eine Obsession für ihr Spiegel-Selbst – Während ihr eigenes Leben nach einer mäßig verarbeiteten Trennung eher stillsteht, scheint es für 1. Jenny voran zu gehen: Denn mit 1. Robert taucht ein Mann in ihrem Leben auf. Zuerst zaghaft auf Gruppenfotos mit den Kommilitonen, dann auf Selfies vom 1. Mai-Picknick, dann auf verdächtig vielen Schnappschüssen. Irgendwann bemerkt sie, wie sie sich zunehmend von der Realität abkapselt und beschließt eine Therapie zu machen. Der Therapeut rät ihr, sich produktive rituelle Tätigkeiten zu suchen, bei denen sie ihre Handynutzung deutlich reduziert. Sie beschließt regelmäßig schwimmen zu gehen. Und tatsächlich geht sie in diesem Hobby auf. Sie wird fitter, bekommt öfter Komplimente und beschließt sich auf Tinder anzumelden und öfter rauszugehen. Schon bald lernt sie jemanden kennen. Nach einer längeren Zeit der Abstinenz fasst sie den Mut mal wieder auf die Spiegel-Facebook-Website reinzuschauen. Dort wurden scheinbar alle Fotos von 1. Robert und 1. Jenny gelöscht, ein Post lässt vermuten, dass 1. Jenny eine schmerzhafte Trennung hinter sich hat – Jenny merkt, dass ihr Glück die Kehrseite von 1. Jennys Unglück ist. Sie spekuliert was passiert sein könnte, ob jemand was wirklich Schlimmes getan haben könnte, schließt aber recht schnell mit dem Gedanken ab, dass vermutlich etwas weit Banaleres der Grund für die Trennung sein dürfte, denn, so postuliert die Kurzgeschichte schließlich in bemerkenswert lakonischem Ton, sei „Grausamkeit gar nicht so ungewöhnlich.“

1.Jenny ist eine in sehr geerdetem Ton erzählte Parabel auf unseren Umgang mit Identitätskonstrutionen in sozialen Medien. Häufig investieren wir unsere Zeit in die Pflege eines Profiles, ein besseres Internet-Reimagining unseres Ichs, unterworfen dem Like- und Follower-Diktat. Es besteht nicht zuletzt das Risiko, dass unser Internet-Selbst die „wirkliche“ Selbstkonzeption übernimmt. In Zeiten von Selbstmarketing via Instagram, YouTube oder Soundcloud ist dieses Risiko größer denn je und durch den unmittelbaren Draht zwischen Selbstdarsteller und (zuweilen vollkommen fremden) Rezipienten ist die Eigendynamik dieser konstruierten Rollen sehr viel unkalkulierbarer. 1. Jenny würde eine wunderbare Folge im Black Mirror-Universum geben.

© Reprodukt © Tamaki, Jillian

„Body Pods“ rekonstruiert die romantischen Irrwege der bisexuellen Protagonistin und verknüpft diese unmittelbar mit der seltsamen Entwicklungsgeschichte und den ebenso kruden Toden der Darsteller des fiktiven Kultfilms Body Pods (ich bin mir recht sicher, dass es sich hier um eine subtile Referenz zu Rob Reiners Stand by Me: Das Geheimnis eines Sommers handeln könnte). Auch hier endet die Geschichte, die sich um die Sinnstiftung nostalgischer Kindheitsmomente dreht, lakonisch – Die Protagonistin bilanziert zum Schluss: „Sobald ich irgendwo ein Bild aus Body Pods sehe, kommen die bösen Erinnerungen wieder hoch. Außerdem hasse ich den Film einfach.“  In eine ähnliche thematische Kerbe schlägt die Story „Darla“, in der ein Produzent gleichermaßen abgeklärt, wie wehmütig über die Entstehungsgeschichte einer innovativen 90er Jahre Porno-Sitcom schwadroniert, die obwohl recht früh abgesetzt, dennoch eine lebendige und treue Fan Base um sich scharen konnte.

Und auch „Sexcoven“ dreht sich um Rausch und Nostalgie: Eine mysteriöse Audiodatei ploppt Mitte der 90er Jahre erstmals im Internet auf. Auch weitergehende Recherchen ergeben keine Resultate zu ihrer Herkunft. Drei Jahre später findet ein Teenager die Datei, benennt sie in Sexcoven um und stellt sie in eine Napster-ähnliche Tauschbörse namens SoundsWire rein. Schnell macht die Runde über die berauschende und sexuell stimulierende Wirkung der seltsamen binauralen Frequenz. Es bildet sich fortan ein Kult um jene Frequenz, die über das Internet vernetzt komplexe Forschung zu dem Track betreibt und die schließlich in einer zurückgezogenen Hippie-Enklave in der Wüste mündet.

„Das ClairFree-System“ hingegen verknüpft die Geschichte eines perfiden Schneeballsystems um eine Gesichtsfeuchtigkeitscreme mit Bildern von Weiblichkeitskonstruktionen, die ein schizophrenes Verhältnis von Geborgenheit und Schönheit, Angst und Abhängigkeiten zeigen.

© Reprodukt © Tamaki, Jillian

Der Reiz von Tamakis ungemein divergentem Storytelling äußert sich nicht nur im Facettenreichtum ihrer zusammengestellten Short Stories, sondern auch ihrer Figuren: Die Protagonisten sind zutiefst menschlich, voller Fehler und Kanten. Es gibt nahezu keine Person, die hier ohne Fehler und Selbstzweifel auskommt. Sie zeigt sehr diverse Menschen mit unterschiedlichen Habitus, die mit ihrem Leben strugglen, oder sich bestimmte Lebensentwürfe zurechtgelegt haben.

DIVERGENTE KUNST

Ebenso divergent wie die Figuren und die Tonalität der Geschichten ist auch die visuelle Umsetzung geraten, rätselhaft symbolisch und eher hektisch gescribbelt in „Weltstadt“, zarte Aquarell-artige Umsetzung in kühlen Blau- und warmen herbstbräunlichen Tönen in Body Pods, oder sehr geerdet und realistisch wie in der der Seitensprung-Parabel „Bettwanzen“, die eher schon an den Stil von einem Daniel Clowes (u.a. Ghost World) erinnert.

Jillian Tamaki zeigt ihre vielseitige, dem Erzählrhythmus und Vibe unterworfene artistische Herangehensweise auf denkbar beeindruckende Art und Weise. Und obgleich natürlich die Kurzgeschichte für sich stehen, und das mitunter auch gerade durch den Artstyle deutlich wird, hat Grenzenlos als Gesamtgebilde was erstaunlich Homogenes an sich – Die verschiedenen Stile und Formen der Narration wirken zusammengenommen wie ein fragmenthafter, multiperspektivischer, mal sprunghafter, mal bodenständiger Blick auf eine ganze Generation von Millenials –

Mal sind Wort und Bild ganz dicht beieinander, tänzeln und umringen sich beinahe seltsam zärtlich, manches Mal aber klafft da auch ein gewaltiger Abgrund. Die Sprunghaftigkeit fordert, ist aber auch erfrischend. Wer „Ein Sommer am See“ mochte, wird die Handschrift von Tamaki zwar wiedererkennen und schätzen, muss sich aber dennoch erst einmal reinfuchsen.

In einem KOMPRESSOR-Beitrag vom Deutschlandfunk schrieb Jule Hoffmann: „Jillian Tamaki kann offenbar alles zeichnen, in jedem beliebigen Stil. Wer nach einer Handschrift Tamakis sucht, wird eher auf der inhaltlichen Ebene fündig.“

Das kann ich so unterstreichen.

Fazit:

Grenzenlos ist Hommage und Abgesang an eine Generation von Millenials, jene Gruppe von Leuten, die jetzt zwischen Zwanzig und Mitte Dreißig sein dürften. Die Generation Y, „Digital Natives“ Einwohner des Internets – Die Kurzgeschichten von Tamaki sind gleichermaßen nahbar wie distanziert, fordern und überwältigen und zeichnen ein facettenreiches und authentisches Bild unserer Befindlichkeiten und Lifestruggles. Grenzenlos mythologisiert das Internet als einen Ort, in dem man sich verlieren kann, den wir aber trotzdem nicht immer ganz ernst nehmen, manchmal aber als wichtiger als die Wirklichkeit. Passend dazu oszillieren die Zeichnungen zwischen sehr geerdet und realistisch und symbolischem Naturalismus. Auf diese Weise schafft es Tamaki, den Vibe und die Widersprüche des Lebens in modernen Industriegesellschaften sehr treffend zu erfassen. Deshalb: Uneingeschränkte Empfehlung!

Übrigens: Derzeit befindet sich bei Reprodukt die Veröffentlichung von „SuperMutant Magic Academy“ in Vorbereitung, ebenfalls aus der Feder von Tamaki. Der Band lässt sich bereits vorbestellen und lässt sich am ehesten als „Harry Potter“ meets „Gossip Girl“ umschreiben. Quasi Coming of Age mit nerdigen Referenzen. Eine Review wird dann ebenfalls hier geben.

ISBN 978-3-95640-134-3

Umfang: 248 Seiten, farbig

Maße: 17 x 21 cm,

Klappenbroschur

Preis: EUR 24,00, erschienen bei Reprodukt

Jillian Tamaki - Grenzenlos (Review)
  • Geschichte(n)
  • Zeichnungen
  • Künstlerischer Stil
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Über Martin Pilot 225 Artikel
27 Jahre jung, beschäftige ich mich schon nahezu mein ganzes Leben mit Videospielen und Videospielkultur. Erstmals in Kontakt gekommen mit dem Medium bin ich Anfang der 90er Jahre mit einem Commodore 64 von der Resterampe, wo ich ausgiebig Giana Sisters und die Turrican-Umsetzungen suchtete und immer ein bisschen neidisch zu den Amiga-Besitzern rübergeschielt habe. Mitte bis Ende der 90er Jahre war ich vordergründig im Sega-Lager unterwegs - Bis heute ist die Sega Dreamcast meine liebste Plattform (Shenmue *hrhr*). Ich studiere darüber hinaus Englisch und Geschichte auf Lehramt und bin von meinen Interessen generell sehr auf die Darstellenden Künste fokussiert (Musik/Film/Theater).

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