Culdcept Revolt für Nintendo 3DS im Review: Missing Link zwischen Monopoly und Magic the Gathering

„Ah komm, ein Match geht doch noch – damit ich wenigstens endlich dieses verdammte Board hinter mich gebracht habe“Culdcept Revolt fühlt sich kurzweilig genug an, als dass man es immer wieder darauf anlegt, nur noch dieses eine Match zu beginnen – um dann 1 ½ Stunden und zahlreiche Runden später zu merken, dass man aufgrund einer fiesen Pechsträhne zum Ende hin doch noch den Kürzeren gezogen hat. Wer Kartenspielen mit zu hohem Zufallsfaktor verabscheut und lieber vollständig Skill-basierte Titel wie Gwent oder Magic the Gathering präferiert, ist bei Culdcept Revolt vermutlich falsch aufgehoben oder scheinbar sehr frustresistent. Gleichzeitig geht von dem Nischentitel aber eine ungeheure Sogwirkung aus, sodass man, trotz antiquierter Präsentation am Ball bleibt. Culdcept ist hierzulande eine komplett unbekannte Reihe, in Japan hingegen ein etabliertes Franchise aus der Feder des Omiya Soft/ JAMSWORK-Studios, das bereits 1997 auf der SEGA Saturn debütierte und noch im selben Jahr für die erste PlayStation portiert wurde. Es folgten das Sequel Culdcept Second für die SEGA Dreamcast und später in erweiterter Form auch für die PlayStation 2, ein kurioserweise Xbox 360-exklusiver Ableger namens Culdcept Saga und eine Umsetzung des Erstlings für den Nintendo DS. Auch gibt es eine Manga-Reihe zu Culdcept. Der nunmehr jüngste Teil, Culdcept Revolt, der Anfang Oktober (Release: 6.10.2017) über NIS America für den Nintendo 3DS veröffentlicht wurde, ist der erste Teil, der es auch zu uns nach Europa geschafft hat.

ZEIT FÜR EINE REVOLTE

Culdcept ist ein taktisches Sammelkartenspiel á la Magic the Gathering und gleichermaßen ein Brettspiel, das die wohlbekannte Monopoly-Formel clever variiert. Eingebettet in ein mittelalterlich anmutendes Fantasy-Szenario, spielen wir in der mehrteiligen Kampagne den jungen Ceptor Allen, der Amnesie geplagt und vollständig orientierungslos in der „Versiegelten Stadt“ („Sealed City“) zu sich kommt. Deren Statthalter, ein tyrannischer Graf, macht dort Jagd auf sogenannte Cepter. Keine günstige Ausgangslage im Handgemenge eines despotischen Regimes gefangen zu sein. Die aufrührerische Rebellengruppe der „Free Bats“ („die freien Fledermäuse“), allesamt Ceptors, nimmt sich des Gedächtnisverlustigen an, nicht aber ohne ein gewisses Grundmisstrauen gegenüber dem identitätslosen Neuankömmling  zu wahren. Und um einige Unklarheiten bezüglich der Begrifflichkeiten zu beseitigen: Die Mythologie dieser Welt dreht sich um die  Göttin Culdra, die mit dem Culdcept das Buch des Lebens und der Zerstörung („Book of Creation and Destructions“) erschaffen hat, dessen magische Karten im Zuge eines Krieges, der zwischen den Göttern entbrannt ist, über die Welt verstreut wurden. Jene, welche die Karten kontrollieren können, um Kreaturen heraufzubeschwören und Zaubersprüche zu formulieren, werden Ceptors genannt. Da von ihnen eine große und unberechenbare Macht ausgeht, müssen sie sich vor den gewaltsamen Repressionen des Grafen hüten und leben daher im Untergrund. Doch mit dem Auftauchen unseres Helden nimmt ihr Schicksal eine bedeutende Wende und der Umsturz des Regimes scheint zum Greifen nah. Die Geschichte wird vollständig über kleine Zwischensequenzen erzählt, die vor Beginn eines Matches ablaufen. Auf den Verlauf der Handlung hat man als SpielerIn keinen unmittelbaren Einfluss – Die partiell durchaus düstere Geschichte ist in einem eher kindlichen Erzählton gehalten und kommt mit viel Slapstick-artigen Humor daher. Auch wenn Geschichte und Inszenierung bei Culdcept Revolt eher sekundär sind, habe ich einige Charaktere durchaus liebgewonnen, zumal die Haupthandlung auch immer wieder in (optional spielbare) Nebenhandlungen abzweigt, welche die Beziehungen zwischen den Charakteren vertieft.

EASY TO LEARN, HARD TO MASTER

Konflikte werden in der Welt von Culdcept Revolt in Form einer Partie des oben benannten Brettspieles ausgetragen. Ziel ist es im Laufe der Partie einen Manawert von 8000 zu erreichen und ein Tor zu passieren – Man beginnt mit einem Manawert von 200, den man durch Gebietseroberungen in die Höhe treiben soll. Ähnlich wie in Monopoly gilt es Territorien zu besetzen, welche die Mitspieler zwingen, einen Tribut zu zahlen, wenn sie auf diesem Feld landen. Die Territorien bzw. Felder der unterschiedlich designten Boards sind elementabhängig geprägt und entsprechen den Typen „Luft“, „Wasser“, „Feuer“, „Pflanze“ – Darüber hinaus gibt es auch neutrale Felder, die gegen eine Zahlung von 100 G in jedes beliebige Element umgewandelt werden kann. Jeder Spieler hat ein Kartendeck von 50 Karten, das im besten Falle eine ausgewogene Mischung aus Kreaturen, Zaubersprüchen und Ausrüstgegenständen beherbergt. Ein Territorium wird erobert, indem man eine spezifische Gold- und Manasumme bezahlt, um die Kreatur auf dem Feld zu platzieren. Entspricht die Kreaturenkarte demselben Element wie das Feld, kann man entsprechende „Feldboni“ mitnehmen. Gleichermaßen lohnt es sich viele Felder desselben Elementes zu erobern, um sogenannte „Kettenboni“ zu erhalten, die einen höheren Landwert und höhere Tribute mit sich bringen. Die eroberten Territorien lassen sich gegen entsprechende Abgaben bis Stufe 6 aufleveln, was ebenfalls die Landwerte erhöht und die „Feldboni“ verstärkt. Effektiv bildet man also auf diese Weise Synergien, um die Werte der Ländereien möglichst zügig zu erhöhen. Je höher man nach den Sternen greift, desto tiefer kann man aber auch fallen. Gerade in den Endzügen kann man davon ausgehen, dass die Wertigkeiten der Ländereien in den 4-stelligen Bereichen sind. Verliert man dann ein solches durch falsches Kalkül, wiegt der Verlust umso schwerer. Gerät man nämlich auf das Feld eines Widersachers, kann man wahlweise entweder demütig den Tribut zahlen oder dem Widersacher das Gebiet streitig machen.

Primäres Ziel bei Culdcept Revolt ist es, den Manastand von 8000 über Wegzölle einzunehmen…

Die Kämpfe laufen dann ähnlich wie bei Magic The Gathering ab – Sowohl die verteidigende Kreatur, als auch die Attackierende greifen sich in diesem Zuge an. Beide haben einen Angriffs- und einen Defensivwert. Allerdings finden die Angriffe nicht parallel statt, sondern die offensive, angreifende Kreatur ist immer schneller. Es gibt einige Fähigkeiten, die das Spielgeschehen entsprechend beeinflussen und ebenfalls an Magic the Gathering angelehnt sind: So gibt es etwa die „Attacks First“-Fähigkeit, die dem „Erstschlag“ aus Magic entspricht – in dem Falle greift also die verteidigende Kreatur zuerst an (mit Ausnahme wenn der Angreifer selbige Fähigkeit hat). Auch gibt es „Verteidiger“ wie in MtG, die mit hohen Verteidigungswerten relativ viel einzustecken vermögen, aber nicht ohne weiteres angreifen dürfen und Ausrüstungsgegenstände und Objekte wie Schilde oder Schwerter, welche die Werte temporär oder dauerhaft erhöhen. Nach einem Kampf regenerieren sich die Kreaturen immer dann, wenn man die „Tore“ passiert und eine Runde beendet. Fortbewegen tut ihr euch via Würfelwurf, der eure Schritte bestimmt. Und natürlich gibt es auch Karten, welche die Würfel von euch und die eurer Mitspieler zu euren Gunsten manipulieren.

…indem man Kreaturen auf freie Elementfelder platziert…

Gerade weil man das Preis-Leistungs-Verhältnis der Karten im Auge behalten muss und gerade weil zu Beginn euer Manapool noch keine allzu kostspieligen Upgrades hergibt, sind die ersten zehn Runden mitsamt dem Ausbau der eigenen Territorien häufig eine vergleichsweise behäbige Angelegenheit. Sobald aber die Felder aufgeteilt sind und die Auflevelphase beginnt, entbrennt daraus schnell eine recht intensive Schlachtplatte. Gespielt wird mit bis zu drei weiteren Spielern, wahlweise in Teams oder jeder für sich. Durch die besagten ineinandergreifenden Mechanismen hat man einen interessanten, zuweilen aber auch frustrierenden, weil schwer einzuschätzenden Glücksfaktor inmitten des Taktierens, der idealerweise mitberücksichtigt werden will. Durch den langsamen Aufbau der Matches dauert eine Runde auch ca. eine halbe bis eine Stunde. SpielerInnen werden an die Vielfalt an Mechanismen durch die erste, recht ausgiebige Tutorial-Quest gelungen an das Spielprinzip herangeführt. Und während das Grundprinzip recht schnell verinnerlicht werden kann, dürfte es für die taktischen Finessen dann doch einiger Stunden intensiven Spiels bedürfen.

… und die eroberten Gebiete schrittweise auflevelt, um Feld- und Kettenboni abzustauben und höhere Tribute zu kassieren.

RUDIMENTÄRER DECKBAU UND SPERRIGE MENÜGESTALTUNG

Bei Culdcept Revolt geht es gar nicht so sehr um das Sammeln der Karten – Auch hier kann man natürlich unterschiedlich geartete Booster mit unterschiedlich raren Karten erhalten, die man gegen die spielinterne Währung käuflich erwerben kann. Allerdings geht es mehr um die Konzeption des DecksFeuer-Kreaturen etwa sind offensiver als Pflanzen-Elementarwesen. Luft-Kreaturen sind häufig schneller und Wasser-Kreaturen warten eher mit hinterlistigen Effekten auf, die oft Angriffe bestimmter Typen neutralisieren. Mangelnden Umfang kann man Culdcept Revolt nicht vorwerfen: Über 400 Kreaturen, Ausrüstungsgegenstände und Zauber sind verfügbar. Betritt man zum ersten Mal den Deckbaueditor, wird man schlichtweg erschlagen, da die Karten einfach nur reihenweise aufgelistet werden. Es gibt Filteroptionen, die schlussendlich sogar sinnig sind, aber nicht besonders intuitiv angeordnet sind. Darüber hinaus gibt es keinen Deckbauassistenten, sodass man zunächst einmal auf sich gestellt ist. Bis man sich da reingefuchst hat und ein homogenes Deck zusammengebaut hat, dürfte einige Zeit vergehen.

Das ist im Übrigen ein grundsätzliches Problem von Culdcept Revolt: Auch innerhalb der Matches gibt es vielerlei Optionen, sich einen Überblick über das Geschehen zu verschaffen. Bloß um von einer Übersicht über die Monsterstärken der GegnerInnen zum Ausspielen der Zauberkarte, die das entsprechend ausgewählte Ziel treffen soll, zu kommen, bedarf es manchmal ein bisschen zu viel Fummelei. Die Features sind per se alle da, nur ist die antiquierte, an PSX-Zeiten erinnernde Menüführung einfach viel zu sperrig. Zwar sind die Partien spaßig genug, als dass man da drüber hinwegsehen könnte, Komfort ist allerdings was anderes.

ONLINE – GÄHNENDE LEERE

Culdcept Revolt bietet sowohl lokale- als auch Online-Mehrspieler Optionen. Und ist in der Hinsicht prinzipiell vorbildlich. Umfangreiche Spieleinstellungsmöglichkeiten oder gar ein Voice Chat sind möglich. Ich bin mir auch recht sicher, dass das Spielprinzip im Multiplayer zu seiner vollen Entfaltung käme. Zumindest im Online-Modus habe ich aber zu keinem Zeitpunkt SpielerInnen gefunden, mit denen ich diese Erfahrung teilen bzw. ausprobieren konnte. Das ist enorm schade! Aber für eine funktionierende Community scheint der Titel scheinbar zu sehr Nische zu sein.

GRAFIK UND SOUND

Grafisch macht der Titel tatsächlich mal Gebrauch von den 3D-Tiefeneffekten des 3DS, was ja mittlerweile eine Ausnahme bei aktuelleren Titeln ist. Optisch finde ich Culdcept Revolt recht niedlich geraten, ansonsten aber zweckmäßig. Wir schauen aus isometrischer Perspektive auf das Spielfeld, auch die Zwischensequenzen werden aus der Schräg-drauf Sicht abgespielt. Das erinnert an ältere PSX-Titel á la Breath of Fire oder Persona. Das Charakterdesign ist recht hübsch geraten und ähnelt in seinem Manga/Anime-Look auch ein wenig an frühere ATLUS-Werke. Die Kartendesigns wirken auch irgendwie Retro, aber durchaus charmant und warten mit netten Kampfanimationen auf.

Soundtechnisch ist mir keiner der Score-Beiträge im Kopf geblieben, weder im positiven, noch im negativen Sinne. Allerdings läuft das Gedudel im Kampf in Dauerschleife, was tendenziell schon Nerv Potential haben könnte. Darüber hinaus gibt es aber energetische JRPG-artige Kompositionen, die grundsolide ausfallen.

Fazit:

Culdcept Revolt ist eine süchtig machende Mischung aus Monopoly und klassischen TCG’s á la Magic the Gathering. Taktieren ist hier für Erfolgserlebnisse maßgeblich, gleichzeitig ist hier aber auch immer das nötige Maß an Glück notwendig. Diese Mischung kann frustrierend sein, übt aber gleichermaßen einen enormen Reiz aus, es unbedingt nochmal probieren zu wollen. Sowohl in Bezug auf die audiovisuelle Präsentation, als auch von der sperrigen Handhabung her wirkt Culdcept Revolt aber wie aus der Zeit gefallen. Manchmal fühlt es sich an, als würde man hier das Remaster eines alten Titels aus dem 32-Bit Zeitalter spielen. Der behäbige Spielfluss, die zwischen Klamauk und Düsternis pendelnde Story. Nicht zuletzt daraus zieht der Nischentitel von Omiya Soft seinen Reiz. Wer auf Karten-/Brettspielkonzepte steht, die sich angenehm von der Masse abheben, dürfte bei Culdcept Revolt gut aufgehoben sein. Verdient hätte es der Titel.

Über Martin Pilot 163 Artikel
27 Jahre jung, beschäftige ich mich schon nahezu mein ganzes Leben mit Videospielen und Videospielkultur. Erstmals in Kontakt gekommen mit dem Medium bin ich Anfang der 90er Jahre mit einem Commodore 64 von der Resterampe, wo ich ausgiebig Giana Sisters und die Turrican-Umsetzungen suchtete und immer ein bisschen neidisch zu den Amiga-Besitzern rübergeschielt habe. Mitte bis Ende der 90er Jahre war ich vordergründig im Sega-Lager unterwegs - Bis heute ist die Sega Dreamcast meine liebste Plattform (Shenmue *hrhr*). Ich studiere darüber hinaus Englisch und Geschichte auf Lehramt und bin von meinen Interessen generell sehr auf die Darstellenden Künste fokussiert (Musik/Film/Theater).

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