Brettspiel Rezension: Harry Potter Miniatures Adventure Game 2nd Edition Core Set

©Knights Models

Den Zauberer mit der Blitznarbe muss man wohl keinem mehr vorstellen, denn kaum eine Franchise ist so groß, wie J.K Rowlings Harry Potter. Neben einer ganzen Reihe von Romanen, inklusive Spin-Offs und den fast schon obligatorischen Verfilmungen gibt es im Potterversum für den ambitionierten Fan eigentlich nichts, was es nicht gibt. Und jetzt schicken die Spanier von Knights Models mit der zweiten Edition ihres Harry Potter Miniatures Adventure Game ein ganz besonderes Pferd ins Rennen: Ein Brettspiel mit Miniaturen in Vitrinenqualität.

Ob das Core Set ein gelungenes Brettspiel oder doch nur für passionierte Maler ist, erfahrt ihr in unserer ausführlichen Rezension.

Ein Abenteuer in der Keksdose

©Knights Models

Knights Models kennt man schon seit Jahren als Hersteller von fantastischen Miniaturen, die den Hobbyfan mit grandiosen Sculpts versorgen und dabei auch große Lizenzen würdig vertreten. Angefangen als Hersteller von historischen Miniaturen gab es bei Knights Models (damals noch in Zinn) auch Figuren aus dem Marvel Universum, doch die aktuellen Zugpferde und Toplizenzen sind Batman und Harry Potter. Doch was gibt es eigentlich in der Box, die in der ansprechenden Form einer metallenen Keksdose daherkommt?

Jede Menge. Denn die Box ist prall gefüllt und macht auf den ersten Eindruck einen ambitionierten Eindruck. Hebt man den Deckel findet man zunächst ein Regelheft, jede Menge Token in dicker Pappe und Bodenpläne aus denen man die Spielfläche zusammenbaut. Darunter befinden sich, geschützt durch eine Schaumstoffeinlage, Würfel, Spielkarten und die 13 Miniaturen. Für sein Geld kriegt man hier also einiges geboten.

Die Regeln

Schlägt man das Regelbuch auf wird eine Sache sofort klar: Das Ding ist komplett auf englisch, eine deutsche Version ist in Planung, aber noch nicht verfügbar. Aber okay, dann hat sich mein Studium ja endlich für etwas gelohnt.

Aber was für ein Spiel ist das Harry Potter Miniatures Adventure Game überhaupt? Nun, überraschenderweise handelt es sich hier um ein Skirmish-Wargame. Das heißt, dass in der Regel zwei Spieler gegeneinander antreten und mit ihren Fraktionen gegeneinander kämpfen. Davon gibt es auch eine ganz solide Auswahl, denn das Regelbuch zeigt und als Optionen Hogwarts, Death Eaters, Magical Creatures, sowie Hybride, die aus Mischungen der Gruppen bestehen. Man wählt dann aus, ob man sich im Duel Mode, der Kampagne oder einem Cooperative Play ins Abenteuer stürzt.

Das Duell ist dabei der simpelste Modus, denn hier treten zwei Fraktionen gegeneinander an. Man einigt sich mit dem Gegner auf einen Punktwert mit dem man seine Gruppe bezahlt und wählt dann eines der Szenarios aus dem Buch oder einer Erweiterung. Die Szenarios liefern dann eine Anleitung, wie man das Spielfeld aufbauen soll, geben zusätzliche Regeln, welche die Schlacht einzigartig machen und legen auch weitere Win-Conditions fest, denn einfach nur den Gegner vom Feld zu fegen hat einen geringen Wiederspielwert. Das ganze wird dann regeltechnisch in den anderen Modi leicht erweitert, aber im Kern bleibt das Spiel das selbe.

Aber was machen die Zauberstabschwinger überhaupt? Nun, zunächst muss man sich auf ein Budget festlegen, das Buch schlägt 50 Goldstücke vor. Damit darf sich jedes Team Charaktere und Ausrüstung erwerben. Praktischerweise kosten Harry, Hermine und Ron genau 24 Punkte, die vier namenlosen Todesser kriegt man zum selben Preis, also hat man mit der Grundbox noch 26 Punkte zum freien verteilen. Hier trifft man dann auf ein erstes Problem, denn das Core Set ist nicht das vollständige Spiel. Zum einen müssen sich beide Seiten um die Items kloppen ,denn nicht alle gibt es doppelt und scheinbar gibt es auch kein System, das hier regelt, wer wann zuerst wählen darf. Zusätzlich hat eigentlich jeder Charakter sogenannte Traits, also in der Regel passive Eigenschaften, die im Charakterpreis mitinbegriffen sind. Die Helden in der Box können so beispielsweise häufiger Zaubern, die Todesser hingegen gehen ziemlich leer aus, denn deren Traits erlauben ihnen die Verwendung von Flüchen. Diese gibt es nicht in der Box, ebenso hat ein Todesse den Duelist-Trait, der im Regelwerk auftaucht, dort aber lediglich auf spätere Erweiterungen verweist.

Dabei ist sind die Grundregeln ganz leicht und erinnern an andere Brettspiele, wie Descent und Star Wars: Imperial Assault. Spieler aktivieren nacheinander abwechselnd einzelne Modelle und dürfen mit diesen dann drei Felder weit laufen und eine Aktion ausführen. Ob Aktionen, wie Angriffe, erfolgreich sind, wird mit 3 sechseitigen Würfeln geklärt. Diese müssen mindestens eine 3 zeigen, um als Erfolg gewertet zu werden. Dazu wird dann ein Attribut hinzuaddiert, das automatische Erfolge zum Wurf hinzufügt. 6er können übrigens explodieren, das heißt sie gelten als Erfolg und dürfen erneut geworfen werden. Mit etwas Glück kann man hier ganze Ketten aus 6ern zusammenrollen und so dem Gegner gehörig auf die Pelle rücken. Dieser darf sich dann natürlich auch verteidigen, was im Prinzip genauso abläuft. Dabei werden die jeweils erreichten Erfolge verglichen, hat der Verteidiger mindestens genauso viele Erfolge wie der Angreifer reicht es schon um sich die Gefahr vom Leib zu halten. Normalerweise gibt es übrigens keine Möglichkeit Nahkampfangriffe auszuführen; solange man keine Waffe trägt, muss man zaubern. Die Zauber bringen dabei allerlei Effekte mit sich, nur wenige machen überhaupt Schaden. So kann man sich mit dem Patronus-Zauber eine bessere Verteidigung erhexen oder mit Petrify seinen Gegner versteinern. Wenn man sich das denn leisten kann, Zauber bezahlt man nämlich mit einem gemeinsamen Zauberpool, den sich das eigene Team teilt. Dazu kommen die erstaunlich langen Cooldowns, hat man einen Zauber gewirkt, dann kann man den oft ein bis drei Runden lang nicht erneut verwenden.  So muss man sich jeden Zauber ernsthaft überlegen.

Was genau ein Charakter kann, steht auf seiner Charakterkarte, zusätzlich kann man sich dann noch mit weiterer Ausrüstung ausstatten und schafft so merkbare Unterschiede zwischen den Charakteren. Die Todesser beispielsweise bringen zum Großteil von sich aus schon Zauber mit, die physischen Schaden anrichten, die Hogwarts Schüler verlassen sich da eher auf Geschick und können so auch Gegnern Bewegungsaktionen rauben.

Spielablauf

Aber wie läuft das Spiel? Nun, beide Teams einigen sich auf ein Szenario und dann geht`s los. Das Buch gibt ein gutes Dutzend verschiedene Szenarien vor, die einem auch gleich zeigen, wie man die Geländeplatten auslegen muss und wo die jeweiligen Aufstellungszonen sind. Dann wird geprüft, wer den höheren Cunning Wert hat, dieser Spieler darf dann in diesem Zug die erste Miniatur aktivieren. Das sind in der Starterbox übrigens immer die Helden. Dann werden Questkarten gezogen, die zusätzliche Siegesbedingungen zeigen. Diese legt man offen aus und kann so einiges an Wiederspielwert generieren. Dabei können Ziele dabei sein, wie das Lösen einer Challenge an einem bestimmten Ort, das Vorstoßen in die gegnerische Aufstellungszone oder die Verteidigung der eigenen Hälfte. Zusätzlich werden noch drei weitere Aktionskarten gezogen, die am Spielbrettrand positioniert werden und können dann von einem Spieler genutzt werden, der gerade dran ist. Da die meisten Szenarien nach Runde 8 beendet werden, wird man dazu gezwungen aggressiv zu spielen, auch weil die meisten Zauber eine kurze Reichweite haben. So dienen die ersten Runden dazu sich in eine Position zu bringen und dann zu hoffen, dass man den Gegner ausmanövriert und durch Zauber am erfüllen seiner Ziele behindert. Das Ganze läuft dabei im I go, you go-Prinzip ab, da jeder Spieler erst alle seine Aktionen mit einem Modell ausspielt und dann direkt an den Gegner übergibt.  Lange Wartezeiten entfallen so netterweise. Hat man alle Miniaturen bewegt, endet die Runde., es werden  Aktionkarten neu gezogen, der Powerpool nachgefüllt und Cooldowns abgerechnet und dann beginnt das Gefecht erneut.

Das Spielprinzip ist also denkbar einfach und spaßig, aber unter den gegebenen Umständen, also dem Inhalt der Core Box, ist das Balancing der Szenarien im besten Fall zweifelhaft, teilweise auch schlicht unfair. Das beste Beispiel begegnet einem hier gleich in der ersten Mission, denn hier kann die Seite, die die Initiative hat (was durch die mitgelieferten Charaktere und ihre Werte zwangsläufig die drei Helden sind), wählen welches Modell in jeder Runde auf einer Tabelle würfeln darf, die verschiedene Effekte verursacht. Da die Helden auch noch passenderweise und im Gegensatz zu den Schurken, in der Lage sind den Wurf nach oben und unten nachzukorrigieren, gibt es keinen Grund dem Gegner zu erlauben zu rollen, da man auf der Tabelle Siegpunkte erringen kann. In mehreren Testrunden wurden Spiele alleine durch dieses „Würfelglück“ eingeheimst.

Die Miniaturen

Wie Anfangs erwähnt, findet man die 13 Miniaturen in der Starterbox. Für Brettspieler ohne Tabletop-Erfahrung kann es hier zu einem ersten Schreck kommen, denn abgesehen von den Spinnen und einem Todesser, kommen die Minis in Einzelteilen und müssen vorher gebaut werden und sollten daher durch die Zuhilfenahme von Werkzeug zusammengebastelt werden. Das hochwertige Resin ist übrigens einheitlich dunkelgrau, so dass man nicht einfach die Box aufreißen und loszocken kann. Die Miniaturen selbst sind aber glücklicherweise hervorragend!

Das Resin hat scharfe Details, Gußgrate sucht man mit der Lupe (und entfernt sie mühelos) und die Minis, die auf echten Schauspielern basieren sind ihnen förmlich wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Gewinner der Box sind dabei eindeutig die Zauberer, die im 32mm Bereich zum Besten gehören, was der Markt ergibt. Die Figuren weisen dabei realistische Proportionen auf, sind also nicht mit dem gängigen Heroic Scale der Warhammer-Welt vergleichbar. Macht viel her, ist aber zugegebenermaßen eine echte Herausforderung für den Pinselschwinger. Bastler hingegen werden entlastet dadurch, dass die Minis alle nur in einer Pose gebaut werden und auf unnötigen Schnickschnack verzichtet wird.

Komplett weggehauen wurde ich von den Minis von Harry, Hermine und Ron, die drei sind detailliert, dynamisch und voller Charakter. Jeder, der auch nur mal etwas von Harry Potter gehört hat, erkennt sofort um wen es sich hier handelt! Nicht weniger beeindruckend sind die Minis der vier Totesser, da ist der einzige Makel, dass man es hier nicht mit Charakteren zu tun hat, sondern nur namenlose Bösewichte vor sich hat. Dafür sehen sie ziemlich furchterregend aus, auch wenn sie und ihre Karten schwer zu unterscheiden sind.

Etwas weniger gelungen sind da im Vergleich die beiden unterschiedlichen Spinnenmodelle, die aber im Spiel auch eher eine untergeordnete Rolle spielen. Übrigens ein netter Bonus: Die Minis müssen auf Bases geklebt werden, Knights Models liefern aber Slot-Bases mit, die sogar eine Pflastersteinstruktur einmodeliert haben. Die Box selber enthält übrigens keinen dezidierten Platz um die Miniaturen zu transportieren oder wieder in die Schachtel zu packen, ohne zu riskieren sie wieder in Einzelteile zu zerlegen oder sich seinen Paintjob zu zerschießen. Zumal die Miniaturen sehr filigran sind, Rons Zauberstab ist schon beim ersten Transport über den Jordan gegangen.

  • Inhalt & Umfang
  • Miniaturen
  • Regeln
4

Summary

Ich bin in erster Linie Maler, habe aber auch schon diverse Skirmish-Wargames gespielt. Zusätzlich bin ich jetzt nicht der weltgrößte Harry Potter Fan, finde die Franchise aber cool. Damit sollte ich ja genau die Zielgruppe von Knights Models aktueller Spieledition sein. Und das ist den Spaniern auch gelungen.

Durch das Raster auf dem Feld muss man nicht mit Maßbändern rumhantieren, die Minis sind hübsch und aus einer beliebten Franchise und die Regeln sind zwar komplex, aber man kommt als Spieler schnell rein; Also im Prinzip eine super Einstiegsdroge, um beispielsweise die Freundin mit ins Tabletop-Boot zu holen. Klar, es gibt Unstimmigkeiten, so ist das Regelbuch nicht ganz so scharf formuliert, wie man es sich wünscht, es gibt teilweise leere Fertigkeiten, die erst mit Erweiterungen besser werden, aber das ist eigentlich genretypisch. Unter´m Strich bleibt ein gelungener Einstieg in die Harry Potter Welt, die mit weiteren Add-Ons verspricht ziemlich stimmig zu sein!

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