Harveys Neue Augen für die PlayStation 4 im Review: Von hypnotischen Hasen und neurotischen Klosterschülerinnen

© Daedalic Entertainment

Das ursprünglich 2011 erschienene Harveys Neue Augen von den Hamburger Adventure Spezialisten von Daedalic Entertainment war ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Sequel zum mindestens ebenso durchgeknallten Vorgänger Edna Bricht Aus. Multitalent und Tausendsassa Jan „Poki“ Müller-Michaelis nahm wie schon beim Erstlingswerk, welches zunächst das Produkt einer Diplomarbeit zum „Computerspiel als nichtlineare Erzählform“ war, alle kreativen Fäden selbst in die Hand – er schrieb die Geschichte, fungierte als Game Designer, illustrierte, animierte und sang gar den Titeltrack ein. Wie auch das kurz nach Gründung des Studios erschienene Original, etablierte Harveys neue Augen die Spieleschmiede gewissermaßen als die deutsche Antwort auf die alten LucasArts Games, ein kleines Geheimtipp-Mekka für Fans des totgeglaubten Point and Click-Adventure Genres. Knapp 8 Jahre später wurde der Titel nunmehr für aktuelle Plattformen (PS4, XBO, Nintendo Switch) portiert, leicht modernisiert versteht sich. Wir haben die PS4-Version unter die Lupe genommen, ob Pokis bizarre und mitunter bitterböse Odyssee der unschuldigen, und gleichermaßen höchst neurotischen Klosterschülerin Lilly auch heute noch zu unterhalten vermag.

„Wo die Neurosen blühen, will ich Landschaftsgärtner sein“ Element of Crime

Wo man vormals die freiheitsliebende Edna gespielt hat, schlüpft man nun in die Rolle der introvertierten Klosterschülerin Lilli. Edna-Anhänger können jedoch beruhigt aufatmen, die schizophrene Heldin bekommt dennoch genügend Screentime und ist für die ein oder andere Plotwendung verantwortlich. Im Rampenlicht steht diesmal jedoch ihre Freundin Lilli. Der hübsche, kleine Blondschopf ist in höchstem Maße autoritätshörig und stets gewillt, die Aufgaben der strengen Klosteroberin Ignatz zu erfüllen. Doch weil Lilli furchtbar schusselig ist, bringt ihr ihr Enthusiasmus nicht den wohlverdienten Dank, sondern vielmehr Schelte von allen Seiten: Ihre Kommilitonen ächten sie als spießige Speichelleckerin und auch die Oberin selbst empfindet sie ob ihrer Tollpatschigkeit als lästige Plage. Weil Lilli aber ein süßes, braves Mädchen ist und brave Mädchen sich angemessen benehmen müssen, ist Lilli darüber hinaus vor allem eines:  Eine Meisterin im Umgang mit den gängigen Verdrängungsmechanismen.  Der kindlichen Unbefangenheit zum Trotz werden all die Missachtung und der Schmerz einfach in den hinteren Winkeln des Unterbewusstseins verstaut. Jene Kunst äußert sich mitunter darin, dass grausame Ableben ihrer Mitschüler schlicht und ergreifend mit rosa Farbe von den lustigen Zensur-Gnomen überpinselt werden. Einziger Lichtblick in diesem tristen Klosterleben ist Edna, Lilli´s einzige Freundin, die nach ihrem Ausbruch aus der Irrenanstalt im Kloster scheinbar Unterschlupf gefunden hat. Diese hat genauso viele Flausen im Kopf, wie bereits im Vorgänger – Sehr zu Lillis Leidwesen, die aber schlussendlich doch daran wächst (oder auch nicht, je nachdem, für welches Ende man sich entscheidet).  Die Freundschaft der beiden wird jedoch einer harten Bewährungsprobe unterzogen, als Ednas unsagbar böser Ex-Psychiater Dr. Marcel dieser auf der Spur ist. Edna denkt nämlich gar nicht daran, zurück in die psychiatrische Anstalt zurückzukehren. So muss Lilli ihrer Freundin anfangs noch dabei helfen, unentdeckt zu bleiben. Dieses Unterfangen mündet aber in eine (für Lillis Maßstäbe) gigantische Odyssee, in welcher sie ihre moralischen Grenzen nicht nur einmal grundlegend hinterfragen muss.

Direct and Push-Adventure

Wo man am PC vormals Lilli in klassischer Point and Click-Manier via Maus und Tastatur durch die überschaubaren Areale lotste, tut man in der Konsolenumsetzung selbiges natürlich ein wenig anders: Man navigiert Lilly direkt mit dem linken Analog Stick, während man die Hot Spots nun mit dem R3-Button, also dem gedrückten rechten Stick erfasst und sichtbar macht, wo man früher die Leertaste genutzt hat. Auch jetzt werden die Hotspots durch „Harveys Augen“ im Miniaturformat angezeigt. Möchte man mit den Objekten oder den Spots  nun interagieren, nutzt man den Aktionsbutton, der kontextsensitiv die Optionen „Nehmen“, „Essen/Trinken“  oder „Benutzen“ auslöst. Zwar fühlt sich die Steuerung der Konsolenfassungen zunächst etwas sperriger an – zu Beginn gibt es aber ein vergleichsweise umfangreiches Tutorial und nach knapp einer Stunde Eingewöhnungsphase fluppt das Ding dann recht gut. Durch die direkte und schnellere Steuerung der Spielfigur wirken die Areale allerdings sehr viel kleiner und beengter als im Original.

© Daedalic Entertainment

Wie schon im Original werden beinahe alle Interaktionen mit der Spielwelt vom grandiosen Erzähler kommentiert, der von Schauspieler Götz Otto (u.a. Cloud Atlas, Iron Sky, James Bond: Der Morgen stirbt Nie)  gesprochen wird und in der Regel nicht ohne zynisch-lakonische Seitenhiebe auskommt.

Die Protagonistin ist hingegen auch hier ein äußerst stilles Ding, das im Verlauf des Abenteuers nicht ein einziges Mal zu Wort gelassen wird. Ob nun die Oberin Ignatz sie mal wieder ausschimpft, Edna ihr die (nicht geäußerten) Worte im Mund verdreht oder der omnipräsente Erzähler mal wieder einen süffisanten Gag auf ihre Kosten raushaut – Alles was Lilli hervorbringt ist ein zaghaftes „Mmh-Mmh“.

In der originalen PC-Fassung gab es stellenweise einige technische Probleme, die recht schwerwiegend waren und durchaus als „Game Breaking“-Bugs durchgingen. Vor allem zum Ende hin gab es auf meinem damaligen System beim Übergang in die Traumwelten öfters Aussetzer, bei denen sich zwei Areale ineinander überschnitten und großflächige Artefakte ein Weiterspielen unmöglich machten. Ebenso konnten Savegames öfter mal nicht vernünftig geladen werden. Glücklicherweise konnte ich beim abermaligen Durchgang auf der Konsole derartige Fehler nicht ausmachen, perfekt und fehlerfrei ist aber auch der PS4-Port nicht: Wie schon auf dem PC, gibt es auch hier Soundaussetzer– oder kleine Knackser zu vernehmen – ein Umstand, der offenkundig auf allen Plattformen auftritt. Zudem hatte ich immer wieder Momente, wo willkürlich das Inventar wie von Magie aufgeploppt ist. Möglicherweise wird das ja noch per Patch behoben.

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Inhaltlich bleibt alles soweit beim alten: Das Rätseldesign ist absolut klasse, aber deutlich konventioneller als bei Edna bricht aus, wo man mittels (an Maniac Mansion und Zack McKraken erinnerndem) Verb-Interface so ziemlich alles mit allem kombinieren oder gar mit Gegenständen plaudern durfte. Während die Rätsel im Vorgänger sich teilweise also nur mittels wildem Try&Error bewältigen ließen und rein logisch betrachtet teilweise recht grenzwertig lösbar schienen, spielt sich „Harveys neue Augen“ deutlich konventioneller, logisch erschließbar und stringent. Das mag für viele Die-Hard Fans ein Rückschritt sein, passt aber in meinen Augen zur grundlegenden Attitüde des Spiels. Lilly ist weder schizophren noch wagemutig und offensiv wie ihre Freundin Edna – Allzu verwegene Aktionen sind  also tabu, selbst dann, wenn der Off-Erzähler Lilli auf selbstironisch-referenzielle Art und Weise vom Gegenteil zu überzeugen versucht. Neu hinzugekommen sind kleinere Minispiele, die etwa an die Rätselspaß-Hefte aus dem Kiosk um die Ecke angelehnt sind – Das heißt also kleinere Denksport-Aufgaben wie etwa ein „Symbol-Sudoku“, ein rundenbasiertes Fantasy-Strategiespiel und andere Denkpuzzles sollen das Ganze ein bisschen auflockern.  Immer dabei ist der einblendbare, freundliche Tutorial-Polizist, der einem bereitwillig das „Wie?“ erklärt. In der Regel erschließen sich die kleinen Spielchen aber mit ein bisschen Tüftelei selbst. Wer jedoch partout keine Lust hat sich mit solchen Banalitäten aufzuhalten, kann diese Zwischeneinlagen schlicht und ergreifend überspringen.

Lilly vs. Hypno-Harvey

Weiterhin innovativ hingegen bleibt das Feature sich mit seinem Unterbewusstsein zu konfrontieren und dem ausgeprägten Über-Ich (in Form von „Verboten“) ein Schnippchen zu schlagen. Erinnert ihr euch an Harvey? Den verrückten, blauen  Plüschhasen, den Edna im Erstlingswerk immer bei sich trug? Nun, in „Harveys neue Augen“ nimmt dieser eine deutlich andere Rolle ein. Um seine neuartige Hypnosetherapie in die Tat umzusetzen, hat Dr. Marcel den kleinen Racker nämlich ein wenig umfunktioniert – Mithilfe von  in die Augen eingepflanzten LED-Dioden fungiert der sonst sehr drollige Geselle nämlich als Hypnosemedium, welches die  Opfe… äh pardon Patienten gefügig macht und ihnen ein dickes Regelwerk aufbrummt. Prompt wird die ahnungslose Lilli zum Versuchskaninchen des wahnsinnigen Dr. Marcel. Fortan behindern diverse Psychoblockaden Lillis Rettungsaktion – Als sie sich beispielsweise selbst anzeigen möchte,  besteht das einzige Kriterium in Gewahrsam genommen zu werden darin, einen erhöhten Promillepegel aufzuweisen. Um das zu bewerkstelligen, muss sich Lilli  in der lokalen Kneipe ihres Vertrauens einen hochprozentigen „Volcano Berseker“ genehmigen. Da hat der olle Spielverderber-Harvey aber ordentlich was dagegen – Unmittelbar folgt die automatisch heruntergebetene Moralpredigt: „Aber Lilli, du weißt doch, dass Kinder keinen Alkohol trinken dürfen.“ – Im Laufe des Spieles gilt es also, diese inneren Dämonen zu besiegen.  Dazu muss Lilli sich in Selbsthypnose versetzen, um in ihrem verzerrten Unterbewusstsein die dämonischen Manifestationen Harveys (welcher jeweils stellvertretend für die einzelnen Blockaden steht) zu bezwingen. Erschwerend kommt aber hinzu, dass zu jedem Zeitpunkt immer nur eine „psychische Barriere“ überwunden werden kann. Daraus ergibt sich ein Spielelement, das einerseits erfrischend anders wirkt und auf der anderen Seite auch gut zum Grundtenor des Spiels passt. Spielzeittechnisch muss man mit etwa 10-12 Stunden rechnen – Genre-Veteranen werden deutlich schneller durch sein, dürfen sie aber ohne große Abstriche an der schönen Inszenierung ergötzen, während Anfänger sich über den zuweilen kniffligen, unterm Strich jedoch moderaten Schwierigkeitsgrad freuen dürfen. Vor den Kopf gestoßen werden sich viele hingegen von den drei möglichen Enden fühlen, die ähnlich abgefuckt und abrupt ausfallen, wie jenes von „Edna bricht aus“ – Eine vollständige Erschließung aller Fragen, die das Machwerk im Laufe seiner Geschichte aufwirft, wird es folglich nicht geben. Und auch wenn das Ganze hätte runder ausgestaltet werden können, so denke ich, dass auch dieses Element wie ein trockenes Understatement wirkt.

Harveys neue Augen
© Daedalic Entertainment

Und wie steht es um die technischen Werte?

Optisch behält „Harveys neue Augen“ den Look des Quasi-Vorgängers bei – Die cartooneske, handgezeichnete 2D-Grafik wirkt rotzig, laienhaft und trotzdem irgendwie niedlich und verspielt. Bereits die PC-Fassung vor 8 Jahren brachte eine Auflösung von 1080p mit, die gegenüber der SD-Optik von Ednas Ausbruch deutlich professioneller wirkte. Und auch jetzt, anno 2019, passt die minimalistische Optik mit großflächiger Colorierung und knalligen Farben zum Konzept und schaut immer noch gut aus. Insofern musste hier technisch nicht allzu viel gemacht werden.

Auf den grandiosen Götz Otto bin ich ja bereits im Vorfeld zu sprechen gekommen, doch auch den anderen Sprechern gilt nach wie vor mein Lob – Die machen ihre Sache nämlich allesamt gut bis hervorragend und verleihen den Charakteren sichtlich mehr Profil. Der Soundtrack ist gelungen und erinnert in seinen ruhigen Minuten an Yann Tiersens Kompositionen aus der „fabelhaften Welt der Amelie“, scheut sich aber auch nicht, in dramatischen Situationen bedrohliche Orgel-Wände aufzufahren. Auch der von „Poki“ höchstselbst eingesungene Titeltrack „Nadel und Faden“ (inkl. liebenswerter Grönemeyer-Affektiertheit) ist ein absoluter Ohrwurm für all jene, die chansonesken Klängen etwas abgewinnen können.

Abgesehen von den oben benannten Bugs ist die technische Umsetzung der Konsolenfassung(en) also sauber und auch performancemäßig gibt es keine Beanstandungen.

Fazit:  „Harveys neue Augen“ ist trotz seiner kindlich-trashigen Aufmachung auch 2019 ein trippiges, groteskes, bösartiges, vor allem aber urkomisches Gag-Feuerwerk. Edna-Vater Jan „Poki“ Müller-Michaelis hat hier damals seine ganz persönliche, kreative Spielwiese erschaffen:  Subversiver Klamauk traf auf feinsinnige, pointierte Dia- und Monologe.  Vor allem Götz Otto als Kommentator aus dem Off, der stets einen trockenen Spruch auf den Lippen hat, passt einfach unglaublich gut in die Geschichte hinein und sorgt nicht nur einmal für großes Gelächter vor dem Monitor. Und doch steckt trotz all der Albernheit irgendwo auch eine gewisse Tragik, eine ordentliche Portion Wehmut dahinter. Lilli ist eben doch ein armes Mädchen, welches ihre Ängste und ihren Frust in sich hineinfrisst und im Grunde genommen daran scheitert. Zwar kann das Abenteuer dem Ganzen seine witzige Seite entlocken, aber für sich genommen ist das nichts Schönes – und das schimmert durch sämtliche Fassaden hindurch. Das macht „Harveys neue Augen“ aber mitunter auch so facettenreich. Spielerisch präsentiert sich die Geschichte deutlich reduzierter als noch bei „Edna bricht aus“ – Für viele war das damals eine Verschlimmbesserung, ich hingegen empfand das Ganze als zweckorientierter. Der Titel hat seine fordernden Stellen, vermag aber auch Einsteiger zu motivieren und insgesamt betrachtet sind die Kopfnüsse hier stimmiger. Die Konsolenfassungen, in diesem Fall die reguläre PS4-Fassung, sind technisch gut umgesetzt, es gibt keine Performanceeinbrüche und die rotzige Cartoon-Optik sieht auch 8 Jahre später noch gut aus. In die Steuerung via Controller muss man sich erstmal reinfuchsen, die wirkt zunächst sperriger als beim Original mit Tastatur und Maus, fluppt aber später recht eingängig von der Hand weg. Gut ist, dass einige spezifische Gamebreaking-Bugs scheinbar beseitigt worden sind, dafür sind ein paar andere nervige Eigenarten hinzugekommen (Tonaussetzer und Inventar-Popping). Das kann im Zweifelsfall aber mit einem nachgelieferten Patch behoben werden. Abgesehen davon ist Harveys Neue Augen auch 2019 noch ein extrem unterhaltsames und cleveres Adventure, welches damals wie heute zeigt, dass das Genre nicht tot ist. Adventure-affine Spieler*Innen, die bislang nicht in den Genuss gekommen sind, dürfen hier gerne zuschlagen.

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Harveys Neue Augen [PS4]
  • Geschichte
  • Inszenierung/Regie
  • Grafik
  • Sound(track)
  • Pacing
  • Spielwelt/Details
  • Rätseldesign
  • Remastering-Qualitäten
4
Über Martin Pilot 429 Artikel
27 Jahre jung, beschäftige ich mich schon nahezu mein ganzes Leben mit Videospielen und Videospielkultur. Erstmals in Kontakt gekommen mit dem Medium bin ich Anfang der 90er Jahre mit einem Commodore 64 von der Resterampe, wo ich ausgiebig Giana Sisters und die Turrican-Umsetzungen suchtete und immer ein bisschen neidisch zu den Amiga-Besitzern rübergeschielt habe. Mitte bis Ende der 90er Jahre war ich vordergründig im Sega-Lager unterwegs - Bis heute ist die Sega Dreamcast meine liebste Plattform (Shenmue *hrhr*). Ich studiere darüber hinaus Englisch und Geschichte auf Lehramt und bin von meinen Interessen generell sehr auf die Darstellenden Künste fokussiert (Musik/Film/Theater).

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