Interview mit Spielautor Till Engel: „Adellos ist ein sehr spezielles Spiel (…)“

© Till Engel

Der 27-jährige Spielautor Till Engel, der in seinem zweiten Leben als Erzieher in Bonn tätig ist, hat auf der diesjährigen SPIEL 18 in Essen erstmalig sein Debütwerk „Adellos“ vorgestellt. Die „first edition“ des Strategie-/Taktik-Brettspiels erscheint dabei in einer ersten Auflage von 1000 Exemplaren. Freundlicherweise hat sich der sympathische Herr die Zeit genommen, mit Otaku-Lounge ein wenig zu schnacken und aus dem Nähkästchen zu plaudern, was es heißt, im Eigenverlag ein Spiel zu publizieren und sich als Underdog neben der breit aufgestellten Konkurrenz auf einer Messe wie der SPIEL zu behaupten. Er verrät, wie der steinige Entwicklungsprozess konkret aussah, wohin die Reise in naher Zukunft gehen soll und natürlich auch, worum es in Adellos eigentlich geht. Der Titel „Adellos“ ist dabei natürlich nicht etwa willkürlich gewählt, sondern verweist auf die List und Tücke der scheinbar gar nicht mal so edelmütigen Titelträger*Innen im Spiel, die als recht zentrale Akteure auf dem Schlachtfeld agieren. Spannende Themen also, die uns hier erwarten, weswegen wir euch auch nicht auf die lange Folter spannen wollen. 

Till, mit dem Strategie-Titel „Adellos“ hast du kürzlich dein Debüt auf der diesjährigen SPIEL in Essen vorgestellt. Ohne Publisher im Nacken und komplett in Eigenregie. Stell dich doch einmal kurz unserer Leserschaft vor und erzähl doch mal, wie du denn zum Spieleautor geworden bist und was dich dazu getrieben hat, diesen vergleichsweise beschwerlichen Weg zu gehen.

Ich halte mich selber für einen intensiven Gamer. Ich spiele unglaublich gerne und auch schon sehr lange. Aufgewachsen bin ich in erster Linie mit Strategie-Spielen wie Anno, Schlacht um Mittelerde, Settlers 3 & 4 und Warcraft 3. Großen Einfluss auf mich hatten aber auch die „Heroes of Might and Magic“ Spiele und „Battle for Wesnoth“. In den letzten Jahren hat sich zu den PC Spielen auch vermehrt die Lust gesellt, Brettspiel zu spielen. Da gesellten sich dann zu meinen Favoriten nebst Klassikern wie Stratego und Catan auch Dominion und Scythe.
Ich bekam dabei zusehends das Gefühl, dass das Brettspiel, dass ich am liebsten selber spielen würde, noch nicht zu existieren scheint. Da war die Idee geboren, ein eigenes Spiel zu erschaffen.

Spielautor Till Engel an seinem Stand auf der diesjährigen SPIEL 18 in Essen


Um unserer Leserschaft das Spielprinzip von „Adellos“ näherzubringen: Erklär doch mal grundsätzlich, wie „Adellos“ funktioniert. Worum geht es? Wie spielt man, was ist das Spielziel und wer ist hier Zielgruppe?

Adellos ist ein 2-4 Spieler Strategie-Taktik Spiel. Jeder Spieler steuert eine andere Fraktion mit individuellen adligen Anführern und versucht die Adligen der anderen Spieler aus dem Spiel zu werfen. Das Spiel kann entweder durch ein KO-System gewonnen werden oder durch ein King of the Hill System, bei dem das in der Mitte des Spielfeldes angesiedelte Bonus-Feld für einige Runden gehalten werden muss. Die durchschnittliche Spieldauer bei 4 Spielern beträgt 45 Minuten. Bei 2 Spielern ungefähr 20.
Interesse an diesem Spiel dürften alle Fans von Taktik-lastigen Brettspielen haben. Die vielen Einheiten, die jeder Spieler steuern kann, zeichnen sich durch zum Teil einzigartige Fähigkeiten aus, die einen Einfluss auf das Kampfgeschehen und den Spielablauf haben. Um dem Spiel einen kleinen Glückseffekt zu verpassen, gibt es noch Ereigniskarten, die Spieler ziehen und ausspielen dürfen, um ihre Gegner zu stören oder sich selbst einen Vorteil zu verschaffen.

 

Du hast dich ja offenkundig von den Mechanismen verschiedener anderer Spiele inspirieren lassen. Du bist vermutlich auch selbst Spieler. Welcher Titel hatte den nachhaltigsten Impact auf die Entwicklung von „Adellos“?

Das bereits erwähnte PC-Spiel „Battle for Wesnoth“ hatte wohl den größten Einfluss auf Adellos. Es ist ein rundenbasiertes Strategie- Taktik Spiel auf Hexagoni. Klingt das vertraut?
Es haben aber tatsächlich viele Spiele Einfluss auf die Entwicklung von Adellos gehabt. Sowohl Brett- als auch PC-Spiele.

Jetzt ist das Spieldesign ja asymmetrisch angelegt. Das heißt, jede Fraktion spielt sich anders. Das richtige Balancing zu finden dürfte einen erheblichen Teil der Entwicklung ausgemacht haben. Wie hast du das bewerkstelligt? Jetzt weiß ich von dir, dass du hauptberuflich Erzieher bist. Hast du auch Testsitzungen mit den Kids abgehalten?

Die Zeit, die ich nur fürs Test-spielen und das Balancing von Adellos aufbringen musste, lässt sich wohl grob auf 1 Jahr berechnen. In diesem Prozess und Zeitraum gab es viele Fähigkeiten, Ereigniskarten und Einheiten, die das Spiel komplett verlassen mussten, oder stark abgewandelt wurden, um ein ausgewogenes Spiel zu erlauben. Mit dem finalen Balancing bin ich nun aber sehr zufrieden. In Testspielen konnte sich keine Fraktion als auffällig stärker als andere Fraktionen herausstellen. Das liegt meiner Meinung nach aber auch daran, dass die Fraktionen sehr unterschiedliche Ansätze und Strategien haben. Mit den Kids müsste ich tatsächlich auch locker auf über 100 Runden gekommen sein. Die Kids wollten das jeden Tag spielen. Im Schnitt haben wir dann so 2 Runden pro Tag geschafft, das mal 5 Tage die Woche, und das 30 Wochen lang. Wenn Balancing Probleme aufgefallen sind, dann habe ich die Einheit nochmal unter die Lupe genommen, mir Gedanken gemacht, ob die Fähigkeit nicht zu stark ist und versucht die Werte so anzupassen, dass sie nicht mehr OP sind. In diesem Prozess habe ich irgendwann ein Balancing-System (basierend auf Fähigkeitspunkten, die mit der Wertigkeit der Einheiten steigen) geschaffen, an das ich dann alle Einheiten angepasst habe. Das hat tatsächlich eine Menge geholfen. War eine Einheit verbessert, habe ich sie neu ausgedruckt und wieder mit in die Testsessions gebracht.

Wie war die Resonanz auf der SPIEL? Wie haben die Leute das Spiel angenommen?

Adellos ist ein sehr spezielles Spiel. Alleine schon das Thema „Kampf“ hat viele Messebesucher abgeschreckt, die eher nach Familienspielen, schnellen Kartenspielen oder friedlichen Aufbau-Spielen Ausschau gehalten haben. Das Feedback von den Spielern, die sich aber an die Demo-Tische gesetzt und das Spiel selber getestet haben, war allerdings fast ausschließlich positiv.

Jetzt zur Produktion: Du hattest das Spiel Mitte letzten Jahres via Crowdfunding (teil)finanzieren lassen, damals über die Plattform Startnext. Wie waren deine Erfahrungen damit? Was würdest beim nächsten Mal anders machen? Wieso hast du nicht bei den Verlagen hierzulande Klinken geputzt?

Ich denke die Kampagne bei Startnext zu starten erwies sich, wenngleich das Crowdfunding erfolgreich war, als Fehler. Kickstarter wäre vermutlich die deutlich bessere Plattform dafür gewesen. Außerdem habe ich den Betrag, den es benötigen würde um ein Brettspiel zu erschaffen deutlich unterschätzt. Generell kann ich sagen, dass ich bei diesem ersten Brettspiel unglaublich viel gelernt und noch mehr falsch gemacht habe. Das nächste Projekt wird dann schon deutlich professioneller aufgezogen.

An Verlage hatte ich mich tatsächlich bewusst nicht gewendet. Auf der einen Seite, weil ich annahm, dass es kein Interesse an meinem Spiel geben würde und auf der anderen Seite, weil ich das Spiel exakt nach meinen Wünschen erschaffen wollte. Ich befürchtete, ein Verlag würde in den Entwicklungsprozess eingreifen und das Spiel in eine Richtung hin verändern,  mit der ich im Nachhinein unglücklich wäre.

Und der generelle Produktionsablauf? Artwork, Boarddesign, Spielkonzept – Stammt das alles aus deiner Feder oder hattest du da auch Hilfe von außen? Was würdest du Newcomern der Spielbranche, die ähnliche Pläne verfolgen mit auf den Weg geben?

Vollständig alleine lässt sich so ein Spiel in meinen Augen gar nicht verwirklichen. Ich hatte tatkräftige Hilfe. Meine eigenen Zeichenfähigkeiten beginnen und enden bei Strichmännnchen, ich musste mir also Künstler suchen, die ich dann leider gezwungenermaßen schlecht bezahlte, um mir die Artworks zu erschaffen. Das Gleiche gilt für Designs und Layouts.
Auch beim Spielkonzept und bei der Erschaffung von Einheiten und Fähigkeiten hatte ich mächtig Unterstützung. Co-Developer und Berater haben da immer wieder mit Engelszungen auf mich eingeredet, um mir eine ganz schlechte Idee aus dem Kopf zu drücken oder selber gute Ideen an mich heranzutragen.

 

Die Erweiterung „Founding Tarnaris“ ist bereits auf der Adellos Website angekündigt. Wie sieht da der Stand der Dinge aus? Was wird sich im Vergleich zur Basisedition ändern?

Founding Tarnaris ist keine Erweiterung zu Adellos – first Edition, wenngleich eine Erweiterung durchaus geplant ist. Diese soll dann 2 weitere Fraktionen ins Spiel bringen und damit Runden für bis zu 6 Spieler ermöglichen. Der Arbeitstitel davon ist im Moment noch „Reinforcements“.
Founding Tarnaris ist ein eigenständiges Worker-Placement Spiel, dass zwar im selben Universum spielt, aber Nichts mit dem Brettspiel Adellos -first Edition zu tun hat.

 

Von einem befreundeten Spieleautor weiß ich, dass weitere Titel im Adellos-Universum angedacht sind, die sich ein bisschen vom Taktik-/Strategie-Genre abgrenzen. Kannst du uns etwas dazu erzählen? Wird bei „Founding Tarnaris“ die Hintergrundgeschichte der Konflikte im Adellos-Universum stärker in den Fokus gerückt?

 

„Founding Tarnaris“ erzählt die Geschichte, wie das Land Tarnaris zum ersten Mal bevölkert wird. Dabei bauen alle Spieler erste Dörfer auf, an deren ungefährer Stelle später Städte im Adellos Universum stehen werden.
Außerdem steht ein Abenteuer-Spiel mit dem Arbeitstitel „Adventures of Navrith“ an, das weiteren Einblick in das Adellos-Universum erlaubt und mit spannenden Kampagnen durch die Welt führen wird.

 

Jetzt noch zu deinem persönlichen Spielejahr 2018 bisher: Was hast du so gespielt? Welche 3 Titel gehören zu deinen Favoriten, die du am intensivsten mit Familie, Freunden und Bekannten gespielt hast.

Der absolute Hit auf der Messe war für mich „Crimson Company“, ein 2-Personen Spiel, dass von 2 jungen Männern auch auf der SPIEL18 zum ersten Mal gelauncht wurde. Meine Verlobte hat begeistert „Human Punishment“ eingepackt und mein Lieblingsspiel des Jahres wird wohl „Terraforming Mars“ sein.

 

Irgendwelche abschließenden Worte?

Wer Interesse an Adellos hat, kann sich das Spiel für nur 30 € auf der dazugehörigen Website einsammeln. www.adellos.de/shop ! 😉

 

Vielen Dank für das Interview und die Beantwortung der Fragen!

 

Über Martin Pilot 231 Artikel
27 Jahre jung, beschäftige ich mich schon nahezu mein ganzes Leben mit Videospielen und Videospielkultur. Erstmals in Kontakt gekommen mit dem Medium bin ich Anfang der 90er Jahre mit einem Commodore 64 von der Resterampe, wo ich ausgiebig Giana Sisters und die Turrican-Umsetzungen suchtete und immer ein bisschen neidisch zu den Amiga-Besitzern rübergeschielt habe. Mitte bis Ende der 90er Jahre war ich vordergründig im Sega-Lager unterwegs - Bis heute ist die Sega Dreamcast meine liebste Plattform (Shenmue *hrhr*). Ich studiere darüber hinaus Englisch und Geschichte auf Lehramt und bin von meinen Interessen generell sehr auf die Darstellenden Künste fokussiert (Musik/Film/Theater).

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