Iron Danger für den PC in der Review – Wer hat an der Uhr gedreht?

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Wer sich an unseren Gamescom 2019 Bericht erinnert, der weiß sicher noch, dass ich damals Iron Danger als großen Geheimtip gefeiert habe. Jetzt ist das Spiel endlich erschienen und wir können endlich erfahren, ob das abgefahrene Zeitmanipulationsspiel zur richtigen  Zeit kommt oder ob man die Entwicklung lieber zurückspulen sollte!

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Autsch! Fallgruben und andere Originstories

In Iron Danger schlüpft der Spieler in die Haut der jungen Kipuna, die gleich zu Beginn des Spiel mit den Schattenseiten des Lebens konfrontiert wird. Nicht nur, dass ihr vormals friedliches Dörfchen überfallen wird, denn getreu dem Motto „Aus dem Regen in die Traufe“ stürzt die zierliche Heldin auf der Flucht vor den Räubern in eine Grube und spießt sich darin direkt auf einen eigenartigen, gelben Edelstein. Da das Abenteuer sonst ziemlich kurz wäre, passiert hier aber jetzt etwas Besonderes: Eine mysteriöse Stimme spricht zu Kipuna und hilft ihr dabei die Zeit einen Moment zurückzudrehen. Zwar ist das Mädchen noch verletzt, hat den Sturz jetzt aber überlebt und trägt fortan einen Splitter des Steins in ihrer Brust. Um ihren neuen Zustand besorgt flieht sie mit Hilfe ihres Gefährten Topi, einem hühnenhaften Schmied zu einer legendären Heilerin. Diese kann zwar den Edelstein nicht entfernen, entfacht aber Kipunas verborgenes magisches Talent und damit kann das Abenteuer beginnen!

Die bunte Fantasywelt von Kalevala ist dabei durchaus reizvoll, denn neben den typischen Fantasyelementen, die man mit dem Mittelalter verbindet, gibt es auch Steampunk Elemente und Elemente finnischer Folklore. Dafür das Iron Danger im Prinzip nur ein Taktikspiel ist, ist die Welt überraschend gut ausgearbeitet, wie man übrigens auch an dem gelungenen Comic erkennt, den es in der Special Edition gibt.

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Quicksave war gestern

Auf den ersten Blick mag Iron Danger wie ein Rollenspiel aussehen: Es gibt bunte Charaktere, die miteinander schnacken, im unteren Bildschirmbereich ist eine ellenlange Skillliste, die an MMORPGs wie World of Warcraft erinnert und auch die Kameraperspektive erinnert anfangs an andere Genrevertreter wie Divinity: Original Sin. Tatsächlich handelt es sich bei Iron Danger aber um ein lineares Taktikspiel, also mehr X Com ohne das Basisbauelement. Man kämpft sich also von Level zu Level auf festgelegten Pfaden über mal mehr, mal weniger große Level und kämpft sich so durch Banditen, Monster und Roboter und löst ganz selten auch mal ein Rätsel.

Diese Kämpfe stellen auch eindeutig das Highlight des Spiels dar, denn viele von ihnen sind fast schon wie kleine Rätsel aufgebaut und zeigen auch gleich was das Spiel so besonders macht: Der Trance Modus. Denn die zahlreichen Kämpfe in Iron Danger laufen, im Gegensatz zu X Com und Divinity, in Echtzeit ab. Da das aber ziemlich schwer ist und Kipuna zum Glück mit magischen Fähigkeiten ausgerüstet ist, kann man jederzeit per Mausrad an der Zeit kurbeln. Genaugenommen kann man die letzten 8 Sekunden in kleinen Schritten zurückspulen und so beispielsweise einem Armbrustbolzen ausweichen, der einen vorher noch getroffen hat. Das geht sogar so weit, dass man dem Tod von der Schippe springt. Da man in der Regel mit einem Begleiter unterwegs ist, kann man mit der Trance also gleich die Zeit auf zwei Ebenen beeinflussen und so spektakuläre Kombinationen abziehen.

Kombinationen sind sowieso ein wichtiger Punkt im Spiel, denn die Charaktere haben eigene Fähigkeiten, die sie auch nach erfolgreichen Missionen ergänzen oder upgraden können. Je nach Charakter sind diese Skills mal mehr, mal weniger inspiriert. So kann der Schmied Gegner wegtreten, blocken oder in einem Radius zurückstoßen, Kipuna hingegen kann Feuerbälle schleudern und Ausweichrollen nutzen. Das lädt dann in den Missionen zum experimentieren ein, denn statt die Gegner einfach zu verkloppen kann man mithilfe der Trance auch ganz leicht mit Kipunas Feuerball trockenes Gras entzünden und die überraschten Gegnern mit dem Partner einfach ins Feuer kicken.

Auf der Suche nach weiteren Splittern trifft Kipuna auf insgesamt drei Begleiter auf ihrer rund 12 Stunden langen Reise durch Kalavla. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Kämpfen, die ausgeklügelt sind und nur auf wenige Probleme stoßen. Neben den verschiedenen Feinden ist nämlich die Kamera gelegentlich ein Gegner, denn da die Trance über das Mausrad gesteuert wird, ist die Steuerung etwas hakelig und der Blickwinkel der isometrischen Perspektive muss per Hand nachjustiert werden.

Das Spiel ist knifflig und verlangt vom Spieler einen regen Einsatz der Trance-Funktion, die im Prinzip ausreichend Möglichkeiten gibt um seine Fehler auszubügeln. Was man allerdings als Spieler nicht machen kann ist während der Missionen speichern. Vermutlich wollten die Entwickler damit den Schwierigkeitsgrad etwas hochschrauben und so den Zocker dazu bringen sich ausschließlich auf die Trance Funktion zu verlassen. Das Argument fällt aber flach, wenn man als Spieler nicht weiß, wie lang eine Mission wohl werden wird. Sollte man aus irgendeinem Grund aufhören, muss man die Mission komplett neu beginnen und kann so auch mal eine halbe Stunde Spielzeit wiederholen.

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Steampunk Technik?

Aber nicht nur das Setting von Iron Danger spielt in einer steampunkigen Welt, auch die Technik ist altmodisch, aber nicht uncharmant. Allgemein erinnert der Artstyle mit seinen farbenfrohen Welten und cartoonhaft überzeichneten Charaktere an Fable oder den Xboxklassiker Kingdoms of Amalur: Reckoning.

Leider trifft das auch auf die leicht betagt wirkende Präsentation. So sind nicht alle Texte vertont, aber gerade die Sprecher der Protagonisten sind ambitioniert und liefern auf englisch einen guten Job ab, auch die Musik und Soundeffekte sind allesamt etwas beliebig bis dudelig, aber sie erfüllen ihren Zweck.

Weniger schön ist die Präsentation in Textboxen, die wie Flashbacks aus älteren Betriebssystemen wirken und auch ähnlich klobig daherkommen und so gar nicht zu dem bunten Comiclook passen wollen. Gerade die Zusammenfassungen der Spielergebnisse nach einer Mission sehen fast aus, wie der Stat-Bildschirm aus Starcraft & Co und beißt sich mit dem netten Flair des eigentlichen Spiels. Ebenso uninspiriert sind die Fonts, der Texte die Effekte im Kampf anzeigen, die aussehen, als wären sie noch Platzhalter für die eigentlichen Schriftarten. Dazu kommt die unübersichtliche Fähigkeitenliste am unteren Bildabschnitt. Die Symbole darauf sind klein und wenig intuitiv, meistens muss man mit der Maus über die Icons hovern um sicherzugehen, was welcher Button überhaupt tut.

Zugegebenermaßen ist Iron Danger kein AAA-Titel und der günstige Preis von rund 30€ lindern diese Kritikpunkte ein wenig, aber 2020 sollten auch Indie Spiele technisch mehr auf der Pfanne haben.

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  • Kampage
  • Grafik
  • Technik
  • Gameplay
3.5

Summary

Iron Danger ist für mich persönlich eine  gewisse Enttäuschung, nicht weil das Spiel keine coolen Mechaniken mitbringt oder keinen Spaß macht, aber was mich hier echt runterzieht ist, wieviele Potential in dem Gerüst steckt. Aber Iron Danger macht an allen Ecken und Enden den Eindruck, als hätte es an Budget und Zeit gefehlt, so dass klasse Ideen nicht vollends ausgelebt werden können. So hat man Rollenspielelemente, wie die tolle, tragische Geschichte, ein paar interessante Charaktere und unterschiedliche Fähigkeiten, aber zu einer richtigen Interaktion mit der Spielwelt kommt es dann für Rollenspieler doch nicht. Für Taktikfans hingegen gibt es ein kreatives System durch die Trance, aber das Interface ist irgendwie hakelig und das man in den durchaus langen Missionen nicht Zwischenspeichern kann ist schlicht veraltetes Design.

Aber Iron Danger ist trotzdem ein solides Spiel, wenn man sich der Schwächen bewusst ist. Die Entwickler haben auf jeden Fall ein bisschen Unterstützung verdient.

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