Kino Review: Detective Conan Film 22: Zero der Vollstrecker

Detective Conan
©2018 GOSHO AOYAMA/DETECTIVE CONAN COMMITTEE

 

Während in Nippon mit Detective Conan: The Fist of the Blue Sapphire Mitte April dieses Jahres bereits der 23. Spielfilm zur Reihe seinen Box Office-Launch in den japanischen Lichtspielhäusern feierte, dürfen sich Fans von Gosho Aoyamas kleinem Meisterdetektiv zunächst auf eine deutsch lokalisierte Kinoauswertung des Vorgängers freuen. Zero the Enforcer, bzw. Zero der Vollstrecker, wie der Film hierzulande tituliert wurde, generierte im Land der aufgehenden Sonne 9.18 Milliarden Yen (ca. 74 Mio. Euro) während seiner heimischen Spielzeit. Das machte den 22. Film zum umsatzstärksten Film der Marke. Hierzulande wird der zweiundzwanzigste Film im Rahmen der KAZÉ Anime Nights am 25. Juni 2019 gezeigt. Die teilnehmenden Kinos werden am Ende der Besprechung gelistet. Für mich markiert der 22. Film gewissermaßen eine Heimkehr: Ich habe Detective Conan zuletzt als junger Teenager mitverfolgt – RTL II strahlte zwischen 2002 und 2006 insgesamt 4 Staffeln mit 333 Folgen aus. Seit der Absetzung der Serie habe ich weder die Manga- noch Animeserie aktiv mitverfolgt – seitdem sind immerhin mindestens 13 Jahre vergangen. Insofern entsteht die Review vor allem unter der Prämisse, ob mich der zweiundzwanzigste Kinofilm überhaupt noch abholen kann und eine ähnliche Faszination zu entfachen vermag, wie die Reihe damals.

An dieser Stelle vielen Dank an Michel von KAZÉ für die Möglichkeit, sich den Film anzuschauen.

EINE GROßANGELEGTE VERSCHWÖRUNG – STORY

In Tokio soll eine politische Gipfelkonferenz stattfinden, die eigens in der Summit Hall der künstlich errichteten Tagungsstätte „Edge of the Ocean“ veranstaltet werden soll, einer futuristische Miniaturstadt, die auf intelligente Technologien setzt. Dem maritimen Namen entsprechend wurde die Einrichtung an einer Seezunge in der Tokioter Bucht errichtet und erinnert in ihrer Opulenz an die „Palm Islands“ in Dubai. Ob dieser Größendimensionen ist das Sicherheitsaufgebot entsprechend hoch: Eine Unzahl an Polizeibeamten ist vor Ort und soll den reibungslosen Ablauf sicherstellen. Dafür nimmt die japanische Sicherheitspolizei einen hohen Verwaltungsaufwand in Kauf. Doch trotz alledem kommt es zu einem Eklat: Kurz vor der Eröffnung kommt es zu einer gewaltigen Explosion. Offenbar sind die Hochspannungsleitungen überlastet gewesen und es gibt eindeutige Indizien auf Manipulationen, die vorgenommen worden sind.

Ein terroristischer Akt liegt also nahe – Noch schlimmer wird es allerdings, als ausgerechnet die Fingerabdrücke vom berühmt-berüchtigten schlafenden Privatdetektiv Kogoro Mori am Tatort gefunden werden. Klar, dass seine Familie, u.a. Shinichis Angebetete Ran Mori, dessen Ehefrau und Anwältin Eri Kisaki, aber auch Conan selbst an dessen Unschuld festhalten. Denn der eher verplante und technisch unversierte alte Herr ist nicht gerade dafür geeignet, ein derart verheerendes wie durchgeplantes Attentat durchzuführen. Grund genug für Conan, dem ganzen auf die Spur zu gehen.

©2018 GOSHO AOYAMA/DETECTIVE CONAN COMMITTEE

Währenddessen wurde Mori der Staatsanwaltschaft übergeben, die Beweislage gegen ihn scheint sich zunehmend zu erhärten. Und zu allem Überfluss kann Eri ihn rechtlich nicht vertreten, da die Beziehung zwischen den beiden sie in diesem Zusammenhang zu verfänglich machen würde. Doch auch sonst gibt es scheinbar keinen Anwalt, der sich dieser Sache anzunehmen traut. Denn die Verwicklungen mit dem japanischen Sicherheitsapparat sind den meisten offenbar zu heiß – Einzig die 29-jährige Kyoko Tachibana scheint sich des Falls annehmen zu wollen. Sie ist mit Fällen vertraut, die sich im Bereich der Öffenlichen Sicherheit bewegen, hat aber gleichermaßen noch keinen Fall gewonnen. Sie ist eine Anwältin ohne Kanzlei, eine sogenannte „Handy-Anwältin“. Zugleich wirkt sie trotz ihrer freundlichen Art so, als würde sie etwas verheimlichen.

Und mit dem altbekannten Rei Furuya aka Toru Amuro aka Bourbon haben wir einen weiteren zentralen Charakter aus dem Conan-Universum, der in dem Geschehen mitmischt. Doch der Agent der Sicherheitspolizei, der zwischenzeitlich bei der Schwarzen Organisation unter dem Decknamen Bourbin undercover unterwegs war, scheint Conans Ermittlungen behindern zu wollen – Einblicke in einen älteren Fall enthüllen dabei, dass Bourbon seinerzeit vermeintlich den Freitod eines Verdächtigen zu verantworten hat. Und mehr noch, der Vorfall bedroht nicht nur die Karriere von Kogoro, sondern auch die Sicherheit von ganz Japan – Denn parallel zum Freilassungsgesuch bei der Staatsanwaltschaft, gibt es in der Tokioter City mehrere Explosionen. Elektronische IoT-Geräte (Internet of Things, Anmerkung der Redaktion – Also Geräte, die permanent Teil eines Netzwerks sind) werden mittels Cyberangriffen zu mobilen Sprengkörpern umfunktioniert.

Und nicht zuletzt bedroht ein Satellit Tokyo, der am Tag des Gipfeltreffens vom Mars heimkehren soll. Zahlreise Gefahrenquellen also, die Conan nebst sein Ermittlungen in Schach halten muss.

Der zweiundzwanzigste Detective Conan-Film dreht sich nicht wie üblich um einen Mord, dessen Aufklärung es bedarf: Stattdessen haben wir in der ersten Hälfte einen beinahe reinrassigen Polit- und Justizthriller vorliegen – Ein heimtückischer Terroranschlag, eine undurchsichtige Sicherheitsbehörde, ein Sündenbock in Form von Kogoro Mori und ebenso eine Riege intransparent und ambivalente handelnder Akteure zeichnen eine bemerkenswert dichte Atmosphäre der Paranoia und Unsicherheit. Obgleich die erste Hälfte grundsätzlich einige Mängel im Erzählfluss hat – zum einen wird mitunter von einem Event zum anderen gestolpert – zum anderen werden die zentralen Figuren eher als Statisten behandelt, mag ich die realistische Erdung des Plots – Sowohl das Gipfeltreffen, als auch die technologisch ausgefeilte Location- auch die juristischen Exkurse und die die späteren IoT-Attacken wirken nicht weit hergeholt, sondern tatsächlich glaubhaft und gut recherchiert. Das passt nicht ganz zu den kammerartigen inszenierten Mystery-/Krimi-Settings von Conan, wirkt mit seiner größeren Spannweite aber erstaunlich frisch.

Der Höhepunkt kommt natürlich, als Conan aus seiner passiven Rolle herauskommt und aktiv beginnt, die Zusammenhänge zusammenzupuzzeln. Leider kommt dieser vorläufige Höhepunkt deutlich zu kurz.

©2018 GOSHO AOYAMA/DETECTIVE CONAN COMMITTEE

Stattdessen beginnt ab dem letzten Drittel eine wilde Hetzjagd mit übertriebenen Explosionen und Autocrashs – inklusive surrealer Verkehrsmanöver und begleitet von eher semiguter CGI – Das Tempo zieht merklich an, wirkt aber nicht unbedingt intensiver, sondern merkwürdig dröge. Der Wandel von Amuro wird nur unzureichend vermittelt und auch die letztliche Erklärung wirkt aufgesetzt und unbefriedigend – hier lasse ich die Spoiler natürlich bewusst aus. Insofern ist der zweiundzwanzigste Conan-Film für mich eine zwiespältige Sache: Die Faszination ist auch nach 13 Jahren nach wie vor da, die Charaktere sind allesamt sympathisch und die Story angenehm komplex – warum man dann am Ende das eher behutsame Pacing in übersteigerte Shonen-Action-Sequenzen münden ließ, ist mir ein Rätsel. Hier hätte ich mir mehr Mut zur Entschleunigung und einen stärkeren Fokus auf die tolle Figurenriege gewünscht, zumal man mit den üblichen Verdächtigen und gerade Amuro einen absoluten Fanliebling hat, den man hätte in den Vordergrund rücken können.

Übrigens: Da ja seit Mitte der 90er Jahre nahezu jedes Jahr ein Kinofilm zu Detective Conan erschienen ist, und ich auch die Anime Serie länger nicht verfolgt habe hatte ich zunächst die Befürchtung, dass ich gar nicht durchsteigen würde, weil sie zuviel in all den Jahren geändert hat – Aber die Sorge ist unbegründet: Auch Quer- und Neueinsteiger können sich den Film ohne nenneswerte Verständnislücken anschauen. Zum einen weil die Zeit gewissermaßen stehengeblieben ist, zum anderen weil die Exposition derart ausufernd ist, dass der Film locker als Stand-Alone-Ding standhalten kann.

BILD UND ANIMATION

Die Charakterdesigns haben sich im Laufe der Jahre nicht merklich verändert: Egal ob Ran, Kogoro, Ai Habara, Eri, die Detective Boys  oder der Doktor – sie alle haben den klassischen Art Style beibehalten, sehen hier und da aber natürlich ein wenig polierter aus als früher. Die Zeichnungen und der generelle Stil haben mir sehr gut gefallen, wenngleich die Kinoauswertung nicht an den modernen Animationsstil von z.B. Your Name. oder den jüngeren Digimon Tri.-Filmen herankommt. Allerdings bin ich großer Fan klassischer Animationskunst und Detective Conan Movie 22 fühlt sich in der Hinsicht hinsichtlich Animationstechnik- Einstellungen- und Montage herrlich altmodisch an. Die Action-Sequenzen sind natürlich rasant geschnitten und animiert und hier merkt man dann den Computereinsatz recht deutlich – Die CGI-Elemente wollen mir aber nicht so recht gefallen, dazu wirken sie zu plump. Vielleicht bin ich in der Hinsicht aber auch zu sehr Traditionalist.

TON UND SYNCHRONISATION

Als nach wie vor herausragend empfinde ich die deutsche Synchronisation: Detective Conan kann auf eine prominente Sprecherriege zurückgreifen und das tut dem Krimi-Flair auch merklich gut: Der kleine Conan Edogawa wird wie schon anno dazumal von Tobias Müller gesprochen, den man auch als die deutsche Stimme von Jonah Hill kennt. Kogoro Mori wird ebenso immer noch von Jörg Hengstler gesprochen, der vorrangig alte Männer in alten Serien, aber mitunter auch die Schauspielauftritte von Quentin Tarantino in Pulp Fiction oder From Dusk Till Dawn vertont hat. Und die Stimme von Megure kennt man auch als jene von Josh Brolin – Man sieht: Für Detective Conan sind auch hollywoodversierte A-Listen Voice Actor engagiert worden – das war damals bei der Serie so, und die Qualität hat die Zeit überdauert.

Auch die Themes- und der generelle Score, aus der Feder von Stammkomponist Katsuo Ono sind nach wie vor gleichsam markant, wie eingängig. Ono hat die Musik seit dem ersten Detective Conan-Film geschrieben. Sein Stil atmet auch den Geist der 90er und ist stark von einer sehr treibenden Jazz-Spielart geprägt – Zu den Trademarks gehören etwa die immer wiederkehrenden Bläser- und Streichersätze, die für die entsprechende Dramatik auf der auditiven Ebene sorgen.

Fazit:

Detective Conan Movie 22: Zero der Vollstrecker kommt zugegebenermaßen nicht ohne Schwächen aus: Aber als jemand, der mit der Serie aufgewachsen ist, aber seit knapp über einer Dekade keinen Kontakt mehr mit dem Franchise hatte, war ich angenehm überrascht. Es gibt nur wenig Abnutzungserscheinungen. Die Charakterriege – sowohl Kogoro, Ran und Eri, als auch die Detective Boys und neben Shinichi/Conan auch der gar nicht so heimliche Star Toru Amuro – ist nach wie vor gut ausgearbeitet und sympathisch. Die Schauwerte – optisch und akustisch – überzeugen ebenfalls.

Die Geschichte ist eine zwiespältige Sache: Ich mag den Justizthriller-artigen Einschlag in der ersten Hälfte, und auch die erste Phase von Conans Ermittlungen kann überzeugen – empfinde aber eine zunehmende Verflachung der Dramaturgie – Übergänge zwischen Handlungssträngen sind holprig inszeniert und schlecht erklärt. Der spätere Fokus auf die Action tut dem Film zudem nicht gut: Die Action wirkt überbordend und hanebüchen. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Dennoch empfand ich den zweiundzwanzigsten Leindwandauftritt kurzweilig und unterhaltsam – Abzüge in der B-Note gibt es dennoch aufgrund der narrativen Schwächen.

Detective Conan Movie 22: Zero der Vollstrecker
  • Handlung
  • Regie/Inszenierung
  • Zeichnungen
  • Score/Soundtrack
  • Unterhaltung
3.8
Über Martin Pilot 324 Artikel
27 Jahre jung, beschäftige ich mich schon nahezu mein ganzes Leben mit Videospielen und Videospielkultur. Erstmals in Kontakt gekommen mit dem Medium bin ich Anfang der 90er Jahre mit einem Commodore 64 von der Resterampe, wo ich ausgiebig Giana Sisters und die Turrican-Umsetzungen suchtete und immer ein bisschen neidisch zu den Amiga-Besitzern rübergeschielt habe. Mitte bis Ende der 90er Jahre war ich vordergründig im Sega-Lager unterwegs - Bis heute ist die Sega Dreamcast meine liebste Plattform (Shenmue *hrhr*). Ich studiere darüber hinaus Englisch und Geschichte auf Lehramt und bin von meinen Interessen generell sehr auf die Darstellenden Künste fokussiert (Musik/Film/Theater).

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