Netflix Original Castlevania im Review: Lieblose Lizenzverwurstung oder Silberstreifen am Horizont?

Egal ob als Zeichentrick- oder Spielfilm – Die Adaption von Videospielstoffen in das Medium Film oder wahlweise auch ins episodische Serienformat glückt nur in den seltensten Fällen. Als VideospielerIn muss man sich in aller Regel schon darüber freuen, wenn das Endresultat auch nur halbwegs schaubar ist. Und wir reden hier noch nicht einmal von den unsäglichen Uwe Boll-Lizenzstreifen. Auch vermeintlich große Namen schützen seltsamerweise nicht vor Bruchlandungen – Prominente Beispiele der jüngeren Vergangenheit wären etwa Duncan Jones‘ Warcraft: The Beginning (Bowie’s Sohn ist immerhin für den großartigen Film „Moon“ verantwortlich) oder aber Assassin’s Creed, das mit Michael Fassbender einen großartigen Schauspieler und auch sonst über alle Maßen erhabene Production Values mit sich brachte und dennoch am Box Office krankte. Jetzt zeigt gerade der Netflix-produzierte Castlevania-Anime wie es anders gehen kann. Lediglich 4-Episoden stark, macht die Serie extrem viel richtig und Lust auf weitere Staffeln. Warum Castlevania so gut funktioniert, erfahrt ihr hier.

Castlevania basiert inhaltlich nur lose auf der gleichnamigen Horror-Action-Adventure-Reihe von Konami, die anno dazumal zusammen mit Metroid das explorative Metroidvania-Genre begründete. Sie entnimmt aber viele Plotelemente und Figuren aus dem 1989 in Japan erschienenen NES/Famicom-Titel Castlevania 3: Dracula’s Curse und garniert das Ganze mit der ursprünglichen Dracula-Folklore um den grausamen Wallachen-Fürsten Vlad Tepes.

ANGENEHM AMBIVALENTE FIGURENZEICHNUNG

Das Fürstentum Walachei (heutiges Rumänien) im Jahre 1455: Die junge, idealistische Lisa von Lupu möchte Ärztin werden und sucht den sagenumwobenen Vampir Vlad Dracula Tepes in seinem gotischen Schloss auf, um bei ihm in die Lehre zu gehen. Der Vampir, der sich von den Menschen und ihrer Barbarei im Namen Gottes zunehmend entfremdet hat und in Isolation lebt, lässt sich von ihrer Güte und ihrem Enthusiasmus anstecken. Während er sie die Kunst der modernen Wissenschaft lehrt, hilft sie ihm dabei, sich den Menschen wieder anzunähern – Eine vampireske „Die Schöne und das Biest“-Story eben. Die beiden werden ein Paar und heiraten schließlich. Doch natürlich ist das Glück nicht von Dauer. 20 Jahre später: Mit ihrer fortgeschrittenen wissenschaftlichen Arbeit eckt sie an – Wurde sie bereits vorher kritisch beäugt, gerät sie fortan in den Fokus des Klerus. Als Hexe bezichtigt mit dem leibhaftigen Satan im Bunde zu stehen, wird sie vom Erzbischof und seinen Mannen zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Rasend vor Trauer und Zorn stellt Dracula den Bewohnern von Târgoviște ein Ultimatum. Ein Jahr hätten sie Zeit um die Lande zu verlassen, ein Jahr, bevor Vlad Dracula Tepes ihnen und den Bewohnern der Walachei eine Hölle auf Erden heraufbeschwört. Natürlich wird diese Warnung ignoriert.

Dracula ist über den Tod seiner geliebten Frau nicht gerade amüsiert

Man sieht: Castlevania nimmt sich trotz seiner 4 Folgen richtig viel Zeit, um die Figuren angemessen einzuführen. Die ganze erste Folge etwa dient als Exposition, um Dracula als charismatischen und gleichermaßen nachvollziehbaren, weil tragischen, Antagonisten zu etablieren, zumal hier auch die zentralen Tropen festgelegt werden: Es ist nicht nur eine manichäische Geschichte über den Kampf von Gut gegen Böse, es ist eine Geschichte über den Kampf zwischen dogmatischer Gottesfürchtigkeit und Aberglaube sowie Verstand und Fortschritt auf der anderen Seite. Die eigentliche Hauptfigur, der in Ungnade gefallene Edelmann Trevor Belmont, taucht erst in den letzten Minuten der ersten Episode auf. Auch ansonsten besteht die Heldentruppe aus höchst unterschiedlichen (durchaus bekannten) Charakteren: Neben Belmont stellen auch die Magier Novizin Sylpha Belnades und Dracula’s halbvampirischer Sohn Alucard sich den dämonischen Heerscharen. Dabei sind alle Figuren, die unschuldig-naive Sylpha an dieser Stelle ausgenommen, angenehm ambivalent. Trevor ist der letzte Nachkomme einer geächteten Familienlinie; Alucard’s innere Konflikte sind natürlich schon im Verhältnis zu seinem Vater und seiner Rolle als Halbblut begründet. Und natürlich ist auch Dracula selbst nicht der von Grund auf sinistre Superbösewicht – Alle sind sie gezwungen Position zu beziehen, ob sie an eine Entwicklung der Menschheit glauben wollen oder nicht. Es gibt kein Schwarz und Weiß, lediglich Graustufen. In diesem Rahmen fällt allenfalls der Bischof (stellvertretend für alle kirchlichen Vertreter in der Serie) aus der Rolle – Der Kleriker wird durchweg als dogmatischer und unempathischer Machtmensch beschrieben, der Religion (und Dracula als satanische Ausgeburt der Hölle) bestenfalls als Instrument zur Festigung der eigenen Machtposition benutzt. Insofern bleibt er (leider) bemerkenswert eindimensional.

Mit Trevor Belmont, Sypha Belnades und Alucard macht sich ein ungleiches Trio auf, um die Dämonenbrut in die Pfanne zu hauen

ZWISCHEN FANSERVICE UND UNDERSTATEMENT

Netflix (und Konami) haben den Mut gehabt, die richtigen Leute an die Hebel zu setzen. Producer und Showrunner Adi Shankhar ist etwa berühmt-berüchtigt für sein „Bootleg Universe“, in welchem er bestehende Stoffe der Populärkultur mit satirischem Unterton und nicht frei von Gewalt und sexuellen Inhalten neu interpretiert. Unbedingt nennenswert sind an dieser Stelle die dystopische Reimagination von Saban’s Power Rangers (Power/Rangers), die in einer alternativen Timeline spielt, in der die Power Rangers den Kampf um die Erde verloren haben. Auch die garstige „Man beißt Hund“-Hommage „Venom: Truth in Journalism“ ist ein Paradebeispiel für Shankar’s Gespür, wie man die Trademarks eines Franchises beibehalten und dennoch für ein erwachsenes Publikum aufbereiten kann. Für das Drehbuch ist niemand geringeres als Warren Ellis zuständig, der als Comicautor für so Reihen wie Transmetropolitan zuständig ist, in denen er die Pulp-Ästhetik aufgreift und einen nihilistischen Stilmix aus Cyberpunk, Neo-Noir und Hunter S. Thompson-Referenzen (den Gonzo-Journalisten, den Johnny Depp in Fear and Loathing in Las Vegas gemimt hat) garniert. Auch bei Castlevania zeigt er, dass man die inhaltlichen Lücken der Spielvorlage aus den Spätachziger mit ernsthaftem Understatement versehen kann und dass dabei dennoch der Spaß und Fanservice nicht komplett über Bord gehen muss. Am ehesten kann man den Ellis-Einschlag dann vernehmen, wenn es um die versoffenen Eskapaden von Gewohnheitszyniker Trevor mit den eher feindlich gesonnenen Wallachen geht und in diesem Kontext öfter mal das F-Wort fällt oder Anspielungen auf sodomitische Neigungen einiger schmieriger Dorfbewohner gemacht werden. Die Balance zwischen Pulp und Pathos wirkt allerdings nicht immer ganz passend, was durchaus irritieren kann.

PRODUKTION

Auch was die visuellen und auditiven Production Values angeht, hat man sich bei Netflix nicht lumpen lassen: Die Zeichnungen sind trotz amerikanischer Produktion im klassischen Anime-Stil gehalten, und wenngleich sich die Story an Dracula’s Curse anlehnt, hat man sich optisch an der archaisch anmutenden Gothic-Opulenz einer Ayami Kojima orientiert. Wir haben also keine grobschlächtigen 80s-High Fantasy-Recken wie auf den NES-Coverartworks, sondern das schlanke, androgyn anmutende Art Design von Castlevania: Symphony Of the Night vorliegen, was der Serie recht gut steht. Die Action ist dynamisch, situativ angemessen blutig. Allenfalls könnten die Animationen ein wenig smoother sein, da sind sie mir animetypisch ein wenig zu hölzern. Dennoch haben die Frederator Studios und Powerhouse Animation Studios hier einen insgesamt guten Job geleistet.

Für das Voice Acting setzt Netflix  auf durchaus prominente Namen – Trevor Belmont wird im Original etwa von Richard Armitage gesprochen, der den meisten als Thorin Eichenschild aus der Hobbit-Trilogie bekannt sein dürfte. Graham McTavish spricht Dracula mit inbrünstig sonorer Stimme und ist im Cartoon- und Videospielbereich erfahrener Veteran und für Alucard ist  Battlestar Galactica-Schauspieler James Callis zuständig. Im Kern machen alle Voice Actor ihre Sachen außerordentlich gut. Speziell die Vampire Alucard und Dracula stechen dabei hervor, bringen sie den Schmerz und die Inbrunst ihrer Figuren stimmlich adäquat rüber. Auch Armitage ist eine Bereicherung für den Voice Cast,  wirkt aber an einigen Stellen unpassend sanft. Das ist aber Gemecker auf hohem Niveau. Die deutsche Synchronisation ist relativ okay, kann aber qualitativ absolut nicht gegen die OV anstinken. Deshalb unbedingte Empfehlung, die Serie in Englisch (im Zweifelsfall untertitelt) zu schauen –  Atmosphärisch geht sonst viel verloren.

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FAZIT:

Castlevania ist als Serie richtig stark und macht nach dem nur 4-Folgen-starken Appetithäppchen Lust auf mehr. Das ist auch das größte Manko. Ambivalente Figuren, eine starke Optik und gutes Voice Acting schaffen eine dichte Atmosphäre, welche die Stimmung der Spiele gut in das Serienformat übersetzt. Ich mag den erwachsenen Erzählton und auch den Umstand, dass es ab und an durchaus gory wird. Wer Konami’s Videospielreihe mag, der wird Gefallen an der Netflix-produzierten Castlevania-Serie finden. Eine zweite Staffel mit acht Folgen wurde bereits bestellt. Das Duo Shankhar/Ellis wurde darüber hinaus auch mit einem Assassin’s Creed-Animationsfilm beauftragt. Sollte das Niveau gehalten werden können, ist auch da entsprechende Vorfreude angesagt.

 

Über Martin Pilot 119 Artikel
27 Jahre jung, beschäftige ich mich schon nahezu mein ganzes Leben mit Videospielen und Videospielkultur. Erstmals in Kontakt gekommen mit dem Medium bin ich Anfang der 90er Jahre mit einem Commodore 64 von der Resterampe, wo ich ausgiebig Giana Sisters und die Turrican-Umsetzungen suchtete und immer ein bisschen neidisch zu den Amiga-Besitzern rübergeschielt habe. Mitte bis Ende der 90er Jahre war ich vordergründig im Sega-Lager unterwegs - Bis heute ist die Sega Dreamcast meine liebste Plattform (Shenmue *hrhr*). Ich studiere darüber hinaus Englisch und Geschichte auf Lehramt und bin von meinen Interessen generell sehr auf die Darstellenden Künste fokussiert (Musik/Film/Theater).

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