Phoenix Point für den PC im Review: Am besten klaut man bei sich selbst!

©Snapshot Games

Phoenix Point betrachtet sich selbst als spirituellen Nachfolger der X-Com-Reihe und das mit gutem Grund, denn Julian Gollop, seines Zeichens Chef von Snapshopt Games, hatte bei der Entwicklung des Ur-Spiels auch schon seine Finger im Spiel.

Und die Vorlage hat ihm scheinbar super gefallen, denn um den Vorwurf hier einen X-Com Klon geschaffen zu haben, wird das bulgarische Studio nicht herumkommen. Wieviel geklont ist und ob es tatsächlich auch Neues gibt dröseln wir hier natürlich für euch auf!

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The alien within

Die Welt ist schon wieder kurz vorm Kollaps, denn die globale Erwärmung ist auch in Phoenix Point ein ernstzunehmendes Problem. Die Polkappen schmelzen und setzen eine Art Virus frei, der Menschen zu allerlei meeresfruchtartigen Ungeheuern mutieren lässt. Natürlich nimmt zunächst keiner die Bedrohung ernst, abertausende Menschen gehen über die Wupper und laufen so dem Feind in die Arme, eigentlich kann man jetzt seine Sachen packen, die Nummer mit der Menschheitsgeschichte kann man abhaken. Oder? Naja, noch nicht, denn es gibt ja zum Glück noch ein paar rettende Hände in Form der Phoenix Project Initiative, die passernderweise als Nerds mit Waffen betitelt wurde. Die Gruppe erforscht nämlich den Ursprung des Virus und da der nicht gerne über sich selbst plaudert, muss man halt Gebiete aus der Umklammerung der Mutanten wieder freikämpfen und so Stück für Stück die Geschichte rekonstruieren. Da das aber ohne Gegenwehr nicht funktioniert, wird natürlich militärisch aufgerüstet und das Problem mit der guten, alten Bleispritze angegangen.

Aber die Söldner vom Phoenix Project sind nicht alleine, denn drei weitere Fraktionen haben es geschafft sich zumindest temporär gegenüber der Bedrohung zu behaupten. Die Disciples of Anu beispielsweise haben mit vorher erwähnten Plan die Menschheit untergehen zu lassen beinahe kein Problem, den für sie ist der einfache Mensch zurückgeblieben. Sie haben einen religiösen Kult gegründet, der Mutationen für einen Segen hält. So haben sie es mit der Hilfe ihres mysteriösen Anführers geschafft die Kontrolle über ihre Entscheidungen, auch als Mutant, beizubehalten. Creepy, aber cool und eigenständig.

Etwas bodenständiger stellt sich New Jericho dar, eine paramilitärische Fraktion, die ihrem autokratischen Anführer verschrieben ist, der zwar mit eiserner Hand regiert, gleichzeitig aber Sicherheit durch militärische Stärke verspricht. Mit der Technologie und Ausbildung seiner Truppen scheint er das Versprechen bisher einzulösen, aber seine weiteren Ziele erscheinen dubios.

Die letzte Fraktion nennt sich Synedrion, ist technologisch am weitesten Fortgeschritten, hat sich aber der Natur verschrieben und hätte am liebsten eine Co-Existenz mit dem Virus. Für Abwechslung ist also gesorgt.

Die Geschichte wird übrigens in kurzen Videos mit angenehm vertonten Texten und animierten Standbildern erzählt. Wer man selbst ist, bleibt übrigens frei, eine Ansprache, ähnlich wie bei X-Com fehlt hier komplett. Hilft der Immersion meiner Meinung nach zwar nicht und ist irgendwie schade, andererseits aber eigentlich nicht schlimm.

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Strategie & Taktik

Aber wie spielt sich das ganze? Naja, eigentich wie X-Com: Man hat zunächst eine große Weltkarte auf der man mit seinem ersten Dropship herumdüsen kann. Praktischerweise hat das Schiff nämlich einen Scanner an Bord mit dem es interessante Orte aufdecken kann. Da kann man dann rüberschippern und nachsehen, was es da so nettes gibt. Dabei kann man auf alte Ressourcen treffen, die man sich gleich unter den Nagel reißen kann oder aber man trifft auf Mutanten und kann gleich seine Infanterie dort abwerfen um den Ort wieder zu befrieden.

Dabei gibt es, ganz wie beim Vorbild, auch Forschung zu betreiben mit der man entweder Wissen und damit verbundene Perks freischalten kann oder man entwickelt gleich eine nagelneue Waffe. Abgesehen davon kann man rudimentär Diplomatie betreiben und zumindest die nächsten Quests danach auswählen, welcher Fraktion man sich annähern will. Die mögen sich nämlich untereinander gar nicht so gern und schrecken auch nicht davor zurück den Spieler darum zu bitten Angriffe gegen die vermeintliche Konkurrenz auszuführen. Praktisch bedeutet das, dass man als Spieler Punkte sammelt, die repräsentieren wie gut man mit der jeweiligen Fraktion verbandelt ist.

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Doch kommen wir zum Herzstück des Spiels und dem Grund, warum Phoenix Point ein Taktikspiel ist: Hat man sich für eine Mission entschieden, darf man kurz nochmal sein Team begutachten, eventuelle Ausrüstungsmängel beseitigen und flott noch die letzten Erfahrungspunkte vergeben und dann geht es auch schon los!

Der Anfang ist in der Regel immer gleich: In einer netten Animation sieht man den Flieger landen und die eigenen Soldaten werden nah beieinander abgeworfen und müssen die neue Umgebung erkunden. Die unterscheiden sich recht stark, so gibt es neben Waldgebieten und Slums auch Gefechte in Städten und Gebäuden, da kriegt man als Spieler hinreichen Abwechslung. Dann beginnt der rundenbasierte Part, denn genau wie bei Xcom haben die einzelnen Soldaten eigene Werte, die je nach Rolle und Erfahrung unterschiedlich ausfallen und bestimmen, wie weit man sich bewegen oder wie oft man feuern darf. Aus der isometrischen Perspektive versucht man also so früh wie möglich die eigene Truppe in Deckung zu bringen und so Feinde zu entdecken, die man aufs Korn nehmen kann. Das ist übrigens wörtlich gemeint, denn Phoenix Point ist nicht nur ein Abklatsch und bringt auch ein paar coole und einzigartige Features mit. Das auffälligste ist die Art, wie man feuert. Statt einfach nur einen Gegner auszuwählen und dann, abhängig von Deckung, Entfernung usw. eine prozentuale Chance anzugeben, die die Trefferwahrscheinlichkeit anzeigt, kann man hier selbst zielen. Man hat nämlich zwei Kreise, die anzeigen in welchem Bereich man grob reinballert, sowie ein kleinerer Punkt, der das Ziel eines perfekten Angriffs anzeigt. Das ganze erinnert ein wenig an das VATS System aus Fallout und sorgt auch bei einfachen Gefechten für Abwechslung. Das liegt vor allem daran, dass es sich hier nicht nur um ein Feature um des Features Willen geht, denn Kreaturen haben unterschiedliche Trefferzonen. So kann man beispielsweise die Bewegung eines Gegners einschränken, indem man ihm das Bein verkrüppelt oder ihm gleich die Waffe aus der Hand knallen. Außerdem nimmt das Spiel dieses Feature selbst auf, es gibt beispielsweise eine Gegnerart, die an die Facehugger aus Half-Life erinnert. Die kleinen Krebsviecher können den Truppen von Phoenix Point ins Gesicht springen und sie ab da kontrollieren. Der Effekt ist natürlich verheerend und kann auch erstaunlich lange anhalten. Zumindest bis man zum Antidot greift: Einem gezielten Schuss auf den Kopf, bzw. den darauf sitzenden Facehugger.

Die Missionen sind dabei um Abwechslung bemüht, mal muss man Strukturen beschützen, mal Zivilisten befreien oder Terminals hacken. Dabei kann man sich übrigens in der Regel die Zeit nehmen, die man braucht, denn ein Zeitlimit wie bei Xcom 2 gibt es während der Missionen nicht.

 

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Technik und Design: nicht mutiert

In weiten Teilen macht Phoenix Point den Eindruck ein moderneres Xcom zu sein, aber in einem Punkt trifft das leider nicht zu: Die Technik wäre besser mitmutiert.

Das Spiel läuft sauber und die Steuerung ist intuitiv, aber es sieht einfach unspektakulär aus. Das fängt schon beim Design an, denn die Charaktere und Waffen sehen zum Gähnen generisch aus und ihre Ausrüstung versprüht den Charme einer Samstagmorgenwerbung für NERF-Waffen. Was Animationen und den Sound anbetrifft, hat man sich wieder schwer bei Xcom bedient, die Soldaten geben brav irgendwelche Kommentare von sich und die Monster schreien unverständliches Zeug. Die Monster selber orientieren sich stark an Krebsen und anderem Meeresgetier, haben also ein recht unverbrauchtes Design und machen einen guten, andersweltlichen Eindruck.

Ganz weltlich und langweilig hingegen ist die Weltkarte, auf der man einen beträchtlichen Teil des Spiels verbringt. Hier hat man leider nur einen Globus mit Fragezeichen und ein paar Symbolen, echte Interaktion gibt es hier wenig. Toll hingegen ist der Artstyle in den durch Standbildern erzählten Zwischensequenzen.

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  • Story
  • Technik
  • Gameplay
  • Umfang
3.6

Summary

Ich liebe Xcom. Das mag daran liegen, dass ich das Reboot damals während der langen Pendelwege zur Uni praktisch täglich gezockt habe oder an meiner Liebe zu Tabletop Zeug. Da sollte die ganze Sache für Phoenix Point ja eigentlich ein leichter Sieg sein. Aber irgendwie werde ich mit dem Spiel nicht ganz warm. Klar, es ist fast alles wie bei Xcom, teilweise fühlt es sich sogar an wie eine ziemlich elaborierte Mod, aber es gibt Unterschiede.

Zum einen wollen mir die Charaktere nicht so ans Herz wachsen, wie es bei dem Genre oft passiert zum anderen fehlt mir echt die persönliche Ansprache. Commander bei Xcom zu sein trägt viel zur Motivation bei. Aber das ist sicherlich ein super subjektiver Kritikpunkt. Denn abgesehen davon ist Phoenix Point vielleicht ein wenig uninspiriert, aber ein wirklich gutes Taktikspiel!

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