Review: Armitage III Complete Edition [DVD]

© AIC/NBCUniversal Entertainment

ARMITAGE III – DER VERGESSENE KLASSIKER

Das Cyberpunk-Genre, die dystopische und kaputte Spielart der Science-Fiction, ist derzeit in aller Munde und feiert gewissermaßen eine Renaissance. Mit Blade Runner 2049 erschien letztes Jahr ein Sequel zum kultigen Original von Ridley Scott. Netflix beackert das Genre mit Serienbeiträgen wie Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm. Das altehrwürdige Shadowrun kann sowohl als Pen and Paper Rollenspiel-Ausgabe in der aktuell 5. Edition begeistern, aber seit dem von Harebrained Schemes entwickelten Shadowrun Returns auch im Computerspielmedium mit einer Reihe von qualitativ guten bis herausragenden Titeln aufwarten. David Cage hat mit „Detroit: Become Human“ eine Parabel über Menschlichkeit, Identität und Repression geschaffen und mit dem ebenfalls auf einer Pen and Paper-Vorlage beruhenden Cyberpunk 2077 von The Witcher-Studio CD Projekt RED steht ein Rollenspiel-Hoffnungsträger im Blockbuster-Format in den Startlöchern. Kurzum: Das Genre lebt – Es wabert, zischt und pulsiert. In den späten 80ern und 1990ern waren es vor allem die japanischen Zeichentrick-Produktionen, die das Genre maßgeblich bestimmten und audiovisuell für herunterklappende Kinnladen sorgten und damit erheblichen Einfluss auf spätere US-Produktionen wie James Camerons Terminator oder The Matrix von den Wachowski-Geschwistern nehmen sollten. Das liegt primär in dem Umstand begründet, dass sich Japan spätestens in der Nachkriegszeit zur Speerspitze der „digitalen Revolution“ und des „Informationszeitalters“ erklärten durfte. Der hohe Technisierungsgrad, die Innovationen in Unterhaltungselektronik, Robotik und Medizin, warfen natürlich dahingehend Fragen auf, wohin die Reise gehen soll. Werden wir den technologischen Wachstum auch langfristig kontrollieren können? Welche Auswirkungen haben biomechanische Modifikationen auf unser Selbstverständnis als Mensch? Akira von 1988, Serial Experiments Lain von Yoshitoshi ABe und die Verfilmung des 1989 erschienenen Manga Ghost in the Shell (Masamune Shirow) von Mamoru Oshii gelten als die prominentesten Vertreter des Genres und stellen genau diese Fragen. Letztere wurde ebenfalls letztes Jahr von Hollywood adaptiert, mit Scarlett Johansson in der Rolle als weiblicher Cyborg Major (Motoko Kusanagi). Zu diesem illustren Reigen durfte seinerzeit auch Armitage III hinzugezählt werden, dass vergleichsweise viele Parallelen zu Ghost in the Shell aufweist, mittlerweile aber eben ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Die Spezialisten von Nipponart haben nun am 28. September eine schmucke Gesamtausgabe des vergessenen Klassikers auf DVD veröffentlicht, welche neben den vier OVAs auch noch die beiden Filme „Dual-Matrix“ und „Poly-Matrix“ enthält. Ob und wie der Zahn der Zeit an Armitage III genagt hat und ob das Werk auch heute noch inhaltlich wie visuell an die prominenteren Genre-Geschwistern heranreicht, erfahrt ihr in dieser Review.

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Wie immer bedanken wir uns ganz brav bei Nipponart für die Bereitstellung eines Musterexemplars.

HANDLUNG // DIE MENSCH-MASCHINE

Achtung! Der folgende Abschnitt kann Spoiler enthalten.

„Yeah, that’s right. I’m a monster. Just a another name for a Third in your book. What are you gonna do, destroy me? Why? What did we ever do to humans? If humans don’t want me, why did they create me?“

Wir schreiben das Jahr 2046. Um die Überbevölkerung auf der Erde einzudämmen, wurde der Mars bereits vor einiger Zeit kolonisiert. Mithilfe von Androiden der ersten Generation („First Type Androids“) wurde der unwirtliche und menschenfeindliche Mars damals mittels Terraforming bewohnbar gemacht. Saint Lowell ist die Hauptstadt vom Mars, eine pulsierende und stets wache Mega-Metropole. Das Verhältnis der eher liberalen Marsianer zu den Erdbewohnern ist angespannt, da die politische Führung des Mars sich zwischenzeitlich vom Mutterplanet emanzipieren wollte. Der altbekannte Konflikt eben. Ross Sylibus, ein Detektiv mittleren Alters, befindet sich an Bord eines Space-Shuttles zum Mars, nachdem er um Versetzung vom Chicago Police Department zur marsianischen Vertretung bat. Der Job auf dem Mars soll für den Hünen ein Neuanfang sein. Denn seit seine Partnerin, Jennifer, auf der Erde bei einem Einsatz von einem rebellierenden Cyborg getötet worden ist, ist der traumatisierte Cop nicht mehr ganz bei der Sache. Aufgrund des tragischen Zwischenfalls hegt er einen tiefen Groll gegen die Roboter und Maschinen, die natürlich auch auf dem Mars allgegenwärtig sind und in Koexistenz mit den Menschen leben. Seine Vergangenheit holt ihn jedoch deutlich schneller ein als ihm lieb ist: Auf dem Flug wird die mit ihm reisende, populäre Country Sängerin Kelly McCannon („die letzte Country Sängerin des Universums“) ermordet. Vorher gelangte ein mysteriöser Blondschopf in die Laderäume der Maschine, bis ein Alarm an Bord ausgelöst worden ist. Besonders heikel an der Sache: Die Künstlerin ist ein sogenannter „Third“ – ein Android der aktuellen Generation, mit vollständig autonomem Bewusstsein und derart weit entwickelt, dass er in keinster Weise von Menschen unterscheidbar ist – Doch es bleibt nicht bei dem einen Mord: Irgendjemand hat es offenbar gezielt auf weibliche Thirds abgesehen.

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Am Flughafen von St. Lowell kommt es zu einem Eklat: Ross stößt mit dem mysteriösen Mann, der sich nunmehr in Begleitung von zwei Wachmännern befindet und einen großen Reisekoffer mitführt, zusammen. Hier trifft er auch erstmalig auf die aufbrausende und recht freizügig gekleidete Naomi Armitage, eine Polizistin, welche die mysteriösen Störenfriede auffordert, stehen zu bleiben. In dem Moment bemerkt auch Ross, dass aus dem Koffer Blut rinnt. Es kommt zu einem verheerenden Schusswechsel – Die beiden Wachmänner, die sich auch als Roboter entpuppen, eröffnen das Feuer, segnen aber recht bald das Zeitliche. Der blonde Mann wird in dem Gefecht zwar verwundet, dennoch gelingt ihm die Flucht. Der Reisekoffer hingegen bleibt zurück: In ihm befindet sich der Leichnam von Kelly McCannon. Armitage ist sichtlich schockiert ob dieser Eindrücke. Schließlich wird ausgerechnet dem gegenüber Robotern jeglicher Art misstrauischen Ross Sylibus sowohl der Fall um die getötete Third zugeteilt, als auch Naomi Armitage als neue Partnerin zur Seite gestellt. Der eher wortkarge Mann ist anfänglich irritiert ob der quirligen, ungehemmten Art seiner jungen Partnerin. Doch schon bald stellt sich raus, dass auch Armitage ein Geheimnis hat. Eines, dass ihre Beziehung zu Ross auf die Probe stellen könnte.

Der Blondschopf hinter der Tat gibt sich indes recht bald öffentlich zu erkennen – Unter dem Namen Rene D’Anclaude hackt er sich ins öffentliche Fernsehübertragungssystem, um dort die Footage abzuspielen, wie er die Sängerin ermordet hat. Er eröffnet der Bevölkerung die Existenz der sogenannten „Third Type“-Androiden mit einer Liste von weiteren Exemplaren, die zum Teil ranghohe Positionen in der Gesellschaft bekleiden. Den Thirds wird die Schuld an etwaigen gesellschaftlichen Missständen zugewiesen. Es kommt schließlich zu Pogromen und Aufständen, in dessen Zuge eine Reihe von Thirds öffentlich von der Bevölkerung hingerichtet werden.

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Ross, trotz anfänglichem Misstrauen gegenüber den Androiden, solidarisiert sich in dem Moment mit den artifiziellen Zeitgenossen und kommt im Zuge seiner gemeinsamen Ermittlungen mit Armitage einem gewaltigen Komplott auf die Spur, das im Zusammenhang mit einem bevorstehenden politischen Bündnis zwischen Mars und Erde steht. Ein Komplott, das schließlich dazu führt, dass auch die Polizei Jagd auf das ungleiche Duo macht und welches auch den Ursprung von Armitage und ihrem Schöpfer Dr. Asakura enthüllt…

Die Handlung folgt natürlich einer ähnlichen Prämisse wie auch Ghost in the Shell: Auch hier wird natürlich die durchaus existenzielle Frage ausgelotet, was das Menschsein überhaupt ausmacht. Ab welchem Grenzbereich zwischen „Bios und Techne“ wird es schwammig? Und wie sieht es mit den Rechten von artifiziellen humanoiden Cyborgs aus, die über ein vollständig funktionierendes, ständig lernfähiges Bewusstsein verfügen? Genießen diese dieselben Privilegien wie die Menschen aus Fleisch und Blut? Bereits jetzt werden mögliche ethische und rechtliche Fragen bezüglich intelligenter Maschinen auf EU-Ebene verhandelt. Nun ist aber gerade die erste Anime-Adaption von Ghost in the Shell eher sperrige Abhandlung, die sich gängigen erzählerischen Mustern entzieht. Oshiis Erzählduktus ist extrem langsam, setzt auf das Zusammenspiel von Klang und Ton, greift zahlreiche philosophische und religiöse Versatzstücke aus dem Hinduismus, dem Christen- und Judentum und setzt sie in Analogie zum prometheischen Impuls, „Leben zu erschaffen“. Oshii orientiert sich dabei auch vielfach an Donna Haraways einflussreichem Essay „A Cyborg Manifesto“, in welcher sie dem Cyborg eine feministisch-oppositionelle Rolle zuschreibt. Und gerade in der vielschichtigen und tiefmelancholischen Figur von Major manifestiert sich auch dieser Entwurf recht eindringlich.

Jetzt ist Armitage III im Vergleich zu GitS zu Beginn eher ein klassischer Thriller bzw. eine Film Noir-ähnliche Detektivstory in einem düsteren Cyberpunk-Setting. Das Verhältnis zwischen organischem und künstlichem Leben ist zwar angespannt und wird natürlich vielfach thematisiert, allerdings hat der Anime doch noch einen klaren Fokus auf den Unterhaltungs-Aspekt. Der Anfang ist durchaus temporeich, eher actionlastig und spannend. Der Plot scheint wenigstens bis zur zweiten OVA relativ straight und linear zu verlaufen.

Drehbuchautor war hier Chiaki J. Konaka, der später mit seinen Klassikern Serial Experiments Lain und Texhnolyze einen ähnlich avantgardistischen Pfad einschlagen sollte wie Oshii mit Ghost in the Shell. In Armitage III hingegen geht es noch mehr um das ganze Drumherum. Die Perspektive ist eher nach außen gerichtet. Wie geht die Gesellschaft mit der Koexistenz von Mensch und Maschine um? Und hier wirkt Armitage III durchaus aktuell angesichts unseres derzeitigen politischen Klimas: Die irrationale Angst vor dem Fremden und die Instrumentalisierung durch populistische Strömungen führt zur Spaltung der Gesellschaft. Und irgendjemand zieht im Hintergrund immer seine Interessen aus dem Konflikt.

Allerdings kommt Armitage III dramaturgisch nicht ganz ohne Schwächen aus: Wirken die ersten zwei OVAs, „Electro Blood“ und „Flesh and Stone“ noch angenehm kurzweilig und kohärent, verliert sich der Plot mit „Heart Core“ und „Bit of Love“ dann in recht hanebüchenen, mehrstufigen Plot Twists, die eher als krampfig, denn als packend bezeichnet werden können. Das Finale wirkt dann aber wieder versöhnlich und befriedigend und verleiht der ganzen Serie, gerade im Vergleich zum sinisteren Ghost in the Shell, einen zufriedenstellenden Abschluss. Irritierend ist auch das Maß an Fan Service. Während die Gewalt und Erotik durchaus in die recht kaputte Welt von Armitage III passen, sind Designentscheidungen wie das Lack und Leder-Outfit von Naomi Armitage, oder die mit knappen Leotards bekleideten Stewardessen zu Beginn seltsam deplatziert. Der Cyborg als feministische Opposition jedenfalls wird durch derlei Sexismen deutlich aufgeweicht und die eher kindliche Armitage kann nur schwer mit der deutlich reiferen Major Motoko Kusanagi mithalten.

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Ansonsten sind die Charaktere aber gutgeschrieben: Ich mag den wortkargen, aber gutmütigen Hünen Ross Sylibus und die quirlige Naomi und empfand beim Schauen auch die romantische Annäherung zwischen den beiden als bemerkenswert natürlich. Und auch D’Anclaude ist ein herrlich sadistischer Schurke, hinter dem natürlich mehr steckt, als zu Beginn ersichtlich ist. An die Tiefe von Akira und Ghost in the Shell kommt Armitage III nicht heran, aber dennoch ist der Anime ein kurzweiliger Genre-Beitrag, der weniger nihilistisch wirkt als die beiden Kollegen.

Zum Film Poly-Matrix, der auf Disc 2 vorliegt, will ich gar nicht allzu viele Worte verlieren: Im Wesentlichen folgt der erste Kinofilm inhaltlich den vier OVAs und ist natürlich der geringeren Spielzeit geschuldet um einige Sequenzen, die vornehmlich die Ermittlungsarbeit von Ross und Naomi betreffen, ärmer. Es gibt auch Szenen, die der Kinofassung vorbehalten sind, aber primär deshalb eingefügt worden sind, damit die Handlung nachvollziehbar bleibt. Einige Sequenzen aus den OVAs wurden neu arrangiert und auch das Finale ist thematisch recht nah am Original dran, zeigt aber eine leichte Variation. Für die Komplettisten ist Poly Matrix ein schönes Nice to Have, wirklich essentiell finde ich den Film aber nicht, sofern man die 4 OVAs bereits gesichtet hat. Der Film ist übrigens nur in den USA erschienen, es gibt also ausschließlich eine englische Vertonung mit japanischer Untertitelung.

Spannender dürfte da „Dual-Matrix“ sein, die offizielle Fortsetzung von 2002, die ebenfalls Teil dieser Gesamtausgabe ist. Die Geschichte setzt einige Jahr nach Armitage III bzw. Poly Matrix an – Ross Sylibus und Naomi Armitage haben ihre Vergangenheit hinter sich gelassen und leben als kleine Familie unter neuen Identitäten auf dem Mars. Sie haben eine gemeinsame Tochter namens Yuki und führen ein friedliches und gewöhnliches Leben. Bis es zu gewalttätigen Roboterunruhen in einer Fabrik auf der Erde kommt. Und das zu einem Zeitpunkt, wo just ein wichtiges Gesetz zu den Rechten von synthetischem Leben verabschiedet werden soll. Ganz willkürlich scheint das Timing nicht zu sein. Und als Armitage auf der Erde ermittelt, stößt sie recht bald auf illegale Forschung, die nicht zuletzt auch sie selbst betrifft.

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„Dual Matrix“ ist deutlich actionfokussierter als die OVA-Reihe und wirft die existenziellen Fragestellungen beinahe gänzlich über Bord. Stattdessen steht die Mutter-Tochter Beziehung zwischen Yuki und Naomi Armitage im Zentrum des Geschehens, mit der sich Dual-Matrix von der Hauptreihe emanzipieren will. Zugleich will der emotionale Funke hier aber leider Gottes nicht ganz rüber springen, weil die Charaktertiefe gegenüber der originalen OVA deutlich Federn gelassen hat. Stattdessen wird Armitage ab einem gewissen Punkt nur noch auf eine emotionslose Killermaschine in vergleichsweise ansehnlich durchchoreographierten Actionsequenzen herabgesetzt. Primär liegt der Wechsel der Tonalität vor allem daran, dass sowohl Scriptmensch Konaka als auch Regisseur Hiroyuki Ochi nicht mehr zur Verfügung standen. Stattdessen übernahm Katsuhito Akiyama die Regie, der auch an einigen anderen AIC-Studio Produktionen beteiligt war (etwa Bubblegum Crisis). Damit will ich keinesfalls sagen, dass Dual-Matrix schlecht ist. Es ist solide Genre-Kost in wunderbar kaputten Kulissen, die durchweg unterhaltsam ist, aber die nötige Tiefe vermissen lässt, um wirklich stilprägend für das Genre zu sein.

BILD UND ANIMATION

Die originalen vier OVAs von Armitage III sind 1995 erschienen. Dass Bild und Animation nicht mehr ganz taufrisch sind, dürfte somit klar sein. Zudem hat Nipponart gerade in dem Bereich nicht nennenswert aufpoliert. Insofern haben wir das klassische Bildmaterial im 4:3 Format innerhalb einer Pillarbox vorliegen – zumindest bei den OVAs und Dual-Matrix, Poly-Matrix hingegen kommt im 16:9 Format. Die Farb- und Kontrastwerte sind tendenziell eher blass, die technische Auswertung ist aber dennoch sauber. Artefakte, wie man sie bei älteren VHS-Ausgaben gewohnt ist, gibt es nicht. Generell ist der Anime aber recht gut gealtert, was daran liegt, dass er 1995 wohl absolut state-of-the-art gesehen sein dürfte. Das Charakterdesign, welches zwischen einem realistisch-geerdeten Stil (z.B. Ross und Kelly McCannon) und dem eher schnittigen Shonen-Style pendelt, gefällt mir abseits der angesprochenen Fan Service-Einlagen ausnehmend gut und auch die urbanen Landschaften und Kulissen von St. Lowell wirken hochwertig gezeichnet. Die Action-Sequenzen wirken angesichts des Alters natürlich etwas holprig, dennoch sind die Animationen aber grundsätzlich, gerade in den ruhigeren Passagen, ziemlich solide und halten durchaus auch modernen Ansprüchen stand.

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Die Bildsprache in Armitage III ist eher recht direkt und setzt nicht viel auf die suggestive Wirkung von Klang und Ton wie in Ghost in the Shell, sondern formuliert alle Sequenzen vollständig aus. Die Welt pulsiert und ist mit Elementen ausgestattet, die viel zur Glaubwürdigkeit beitragen. Die Roboternutzung, die Mode, die Datenübertragungsverfahren, das architektonische Design von St. Lowell, die sozialen Gefälle in den verschiedenen Arealen, die Augmented Reality-Techniken und Mechanical Design Einbindungen schaffen eine authentische futuristische Mega-Metropole, die sich zwar im Wesentlichen an den altbekannten Trademarks des Genres bedient, aber dennoch gut gemacht ist. Hier kommt zum Tragen, dass die Zeichnungen und Animationen noch weitgehend hand-made sind und mit Sinn für Qualität entstanden sind.

Und gerade dieser Umstand wird klar, wenn man sich dann im Vergleich „Dual-Matrix“ anschaut. Der 2002 entstandene Anime wirkt zwar sauberer und konsistenter in der Ausführung, sowohl was das Charakter- als auch das Weltdesign betrifft, zugleich wirkt er aber durch die CGI-Nutzung und die digitalen Animationsverfahren merkwürdig steril. Künstlerisch konnte ich mich deshalb dem Sequel irgendwie nicht so recht anfreunden.

TON UND SYNCHRONISATION

Der Score wird passend zum Setting weitgehend von harten, elektronischen Klängen dominiert. Treibende technoide Tracks zwischen Drum ‚n‘ Bass und Industrial begleiten die urbanen Szenerien. Der Soundtrack erfindet das Rad zwar nicht neu, aber unterstreicht stets passend die visuellen Eindrücke.

Die Gesamtausgabe bietet bei den OVAs sowohl Deutsche, als auch Japanische Sprachausgabe mit hochwertigem Dolby Digital 5.1 Ton. Selbiges gilt für den Nachfolger Dual-Matrix. Die deutsche Vertonung ist dabei wirklich klasse! Ross Sylibus wird von Benjamin Völz gesprochen, der am ehesten als deutsche Stimme von Fox Mulder (Akte X) bekannt ist. Er spricht den Mann mittleren Alters in einem stoischen, lakonischen Ton. Die sarkastisch-sinistere Stimme von Rene D’anclaude wird hingegen von Colin Farrell-Sprecher Florian Halm gesprochen, der ebenfalls einen großartigen Job macht. Aber auch die anderen Nebenfiguren werden weitgehend qualitativ hochwertig besetzt.

Die Kinoauswertung Poly-Matrix ist im Englischen recht prominent besetzt. So wird Ross Sylibus von Schauspieler Kiefer Sutherland gesprochen, Naomi Armitage von der ebenfalls recht umtriebigen US-Schauspielerin Elisabeth Berkley. Insgesamt ist die auditive Auswertung durchweg ansprechend.

PHYSISCHE UMSETZUNG UND EXTRAS

In gewohnter Nipponart-Qualität kommt Armitage III Complete Edition in einer liebevollen Aufmachung auf den deutschen Markt. Ein dickes Digipack im Pappschuber mit schönen, nostalgisch anmutenden Artworks in aufgeklapptem Zustand gehören zum gewohnten Standard. Neben dem gewohnten etwa A5-großen Sticker, gibt es wie bei Haibane Renmei und Kimba der Weiße Löwe ein Booklet, in welchem auf die Charakterrelationen eingegangen wird. Leider ist das Booklet dieses Mal relativ lieblos ausgefallen und hat keinen großen inhaltlichen Mehrwert für die Ausgabe. Hier hätte mir ein schickes Poster dann doch mehr gefallen. Abgesehen davon ist die Verarbeitung aber gewohnt hochwertig und macht sich gut im Regal.

FAZIT:

Mit Armitage III Complete Edition liefert Nipponart eine schicke Gesamtausgabe eines Klassikers, der heutzutage ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Zwar hat an Armitage III ein wenig der Zahn der Zeit genagt und inhaltlich kommt der Anime mit einem Script von Konaka nicht an die Schwergewichte Akira und Ghost in the Shell heran, dazu gibt es erzählerisch zu eklatante Lücken in der zweiten Hälfte, dennoch bilden die vier OVAs einen unterhaltsamen Cyberpunk-Crime Thriller, der die Detektivarbeit von Ross Sylibus und Armitage in den Vordergrund rückt und dabei am Rande eben auch die philosophisch-ethischen Fragen streift, was es heißt, Mensch zu sein. Während Poly-Matrix ein nettes Nice to Have für Komplettisten darstellt, bildet Dual-Matrix von 2002 den offiziellen Nachfolger zu Armitage III. Während Armitage III aber die Balance zwischen Unterhaltung und Anspruch noch halten kann, verliert sich Dual-Matrix in gut gemachten, aber nur bedingt mitreißenden Actionsequenzen. Für die Complete Edition spreche ich trotzdem eine Empfehlung vor allem für jene aus, die vom Cyberpunk-Genre und desolaten Zukunftsvisionen nicht genug bekommen können.

ALLGEMEINE DATEN

© AIC/NBCUniversal Entertainment

 

Veröffentlichung: 28. September 2018

Publisher: Nipponart

Genre: Cyberpunk, Sci-Fi, Action

Laufzeit: 315 Minuten

FSK: 16

Bild: 576 * 720

Ton/Sprache:  OVA: Dolby-Digital 5.1 Deutsch, Dolby Digital 5.1 Japanisch, Poly-Matrix: Dolby-Digital 5.1 Deutsch, Dolby Digital 5.1Englisch, Dual-Matrix: Dolby-Digital 5.1 Deutsch, Dolby Digital 5.1 Japanisch, Dolby Digital 5.1 Englisch

Untertitel: Deutsch, Englisch

Quellen: nipponart

 

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  • Handlung OVA
  • Handlung Dual-Matrix
  • Inszenierung/Regie OVA
  • Inszenierung/Regie Dual-Matrix
  • Zeichnungen OVA
  • Zeichnungen Dual-Matrix
  • Animation OVA
  • Animation Dual-Matrix
  • Score/Soundtrack
  • Unterhaltung bzw. Anspruch OVA
  • Unterhaltung bzw. Anspruch Dual-Matrix
  • Technische Umsetzung DVD
3.3
Über Martin Pilot 352 Artikel
27 Jahre jung, beschäftige ich mich schon nahezu mein ganzes Leben mit Videospielen und Videospielkultur. Erstmals in Kontakt gekommen mit dem Medium bin ich Anfang der 90er Jahre mit einem Commodore 64 von der Resterampe, wo ich ausgiebig Giana Sisters und die Turrican-Umsetzungen suchtete und immer ein bisschen neidisch zu den Amiga-Besitzern rübergeschielt habe. Mitte bis Ende der 90er Jahre war ich vordergründig im Sega-Lager unterwegs - Bis heute ist die Sega Dreamcast meine liebste Plattform (Shenmue *hrhr*). Ich studiere darüber hinaus Englisch und Geschichte auf Lehramt und bin von meinen Interessen generell sehr auf die Darstellenden Künste fokussiert (Musik/Film/Theater).

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