Review: Dungeons and Dragons: Tomb of Annihilation

Prolog

Unvorbereitet verschließt ihr eure Augen vor der grellen Mittagssonne und der Lärm einer geschäftigen Hafenstadt drückt euch auf die Ohren. Händler die lautstark ihre Waren anpreisen, undeutbare Tierlaute und eine Unzahl von Straßengesprächen verschmelzen für eure überbeanspruchten Sinne in eine Kakophonie. Als sich eure Wahrnehmung klärt, vernehmt ihr die Geräusche eines geschäftigen Hafens, der sich offensichtlich ganz in der Nähe befindet. Der Geruch exotischer Gewürze kitzelt euch in der Nase. Langsam gewöhnt ihr euch auch an die Helligkeit, öffnet die Augen und seid überwältigt von der Hafenstadt in die euch Syndra Sylvane, eure Auftraggeberin, teleportiert hat. Ein Meer aus Farben, Geräuschen und Eindrücken überwältigt euch. Ihr reibt euch unglaubwürdig die Augen, so als würden diese euch nach der Überbelastung lediglich einen Streich spielen. Nur am Rande nehmt ihr den Dschungel wahr der sich vor der Stadtmauer, nur hier und da durchzogen von Gebirgsketten, bis zum Horizont zu erstrecken scheint. „Beeindruckend, nicht wahr?“ vernehmt ihr die Stimme Syndras in eurem Rücken und ihr fahrt herum. Die erfahrene Magierin und Abenteurerin lächelt wissend und scheint dabei weitaus weniger mitgenommen als ihr. „Staunen könnt ihr später“, sagt sie etwas kühler. „Und nun kommt! Vor uns liegt eine Menge Arbeit Abenteurer und vielleicht steht hier nicht weniger als das Schicksal der Welt auf dem Spiel“ erinnert sie euch und Ihr lächeln erfriert, was euch in der Hitze des neuen Landes irgendwie unheimlich vorkommt. Sie legt den Kopf schief und starrt euch durchdringend an als warte sie auf eure Antwort.

© Wizard of the Coast

 

Überblick

Die Welt befindet sich in Aufruhr, ein mächtiger Todesfluch globalen Ausmaßes greift um sich, lässt all jene verfallen und vergehen die von den Toten zurückgekehrt sind. Unter Ihnen viele mächtige und namhafte Persönlichkeiten. Ebenso verhindert er das Wirken von Magie, welche dazu in der Lage wäre Kreaturen von den Toden wiederauferstehen zu lassen. Auch Syndra Sylvane, ihres Zeichens bekannte Abenteurerin und Magierin, verwest langsam unter dem Einfluss des Fluches, für den selbst die mächtigsten Magier und weisesten Gelehrten keine Heilung finden. In ihrer Verzweiflung verspricht sie all jenen die wagemutig genug sind sich auf die Suche nach der Ursache des Fluches zu begeben und diesen zu neutralisieren eine immense Belohnung. Ihren Informanten nach zu urteilen ist die Quelle des Todesfluches ein magisches Artefakt, genannt Soulmonger, welches sich irgendwo auf Chult befinden soll, einer Halbinsel fast nur bedeckt von einem tropischen Dschungel, Gebirgsketten und Vulkanen. In dieser unwirtlichen Umgebung warten zahllose Gefahren auf all jene die es wagen die Sicherheit der Stadtmauern Nyanzarus zu verlassen. Goblins, Horden von Untoten, Dinosaurier, fallen- und rätselgespickte Ruinen längst vergangener Zivilisationen, sowie noch unbekannte Schrecken warten in den Tiefen des Dschungels auf unsere tapferen Recken. Denn auch dunkle Mächte strecken gierig ihren einflussreichen Arm Richtung Nyanzaru. Chris Perkins, Verfasser des Buches, beschreibt dieses Abenteuer treffend als: „A story about death and the lengths individuals will go to avoid it.“

Getting started

Port Nyanzaru, eine geschäftige Hafenstadt und eine der wenigen zivilisierten Orte auf Chult wird Ausgangspunkt eures neuen Abenteuers sein, solltet ihr euch wie ich entschieden haben die neue Dungeons and Dragons Kampagne Tomb of Annihilation zu spielen. Dinosaurier, untote Horden, Ruinen, Schätze und ein Todesfluch? Da kann man doch nicht anders als sich mal wieder in sein Abenteurer-Alter-Ego zu schwingen, den Alltag hinter sich zu lassen, begierig darauf den bösen Mächten mal wieder ordentlich eine zu verpassen.  Anders als in den Kampagnen zu Storm Kings Thunder oder Curse of Strahd startet ihr direkt in einer ausgewachsenen Stadt. Freiheit für den Spieler und den Spielleiter werden in diesem Abenteuer großgeschrieben. Sowohl eure Startposition Nyanzaru, als auch das Hinterland von Chult bieten eine Fülle von Handlungsmöglichkeiten, erkundbaren Orten und Encountern. Regiert wird Port Nyanzaru von Händlerprinzen, ein jeder mit einem Monopol auf bestimmte Waren, die ihr teilweise auch nur bei Ihnen erwerben könnt. Zudem bietet die Stadt 25 ansteuerbare Orte, unter anderem den Executionors Run, ein grausiges Spektakel bei dem Gefangenen auf einer Rennbahn vor den tödlichen Klauen ihrer prähistorischen Verfolger fliehen. Das Geld ist knapp, ebenso das Mitleid mit fiktiven Verurteilten (oder?), also darf natürlich auf den Ausgang gewettet werden. Diverse Stadtteile, die Villen der Händlerprinzen, verschiedene Tempel, der Hafen, alles Orte, die die Gruppe ansteuern kann um sich Stück um Stück ihrem Ziel zu nähern. Auch der Dschungel quillt über mit verheißungsvollen Ruinen und Dungeons. Denn dieser strotzt nur so vor Möglichkeiten eure sich neu zusammengefunden Abenteurergruppe zu zerfleischen, vergiften oder aufzuspießen, ist dieser doch bevölkert mit einer, zugegebenermaßen ziemlichen coolen Ansammlung von Zombies, Dinosauriern (möglicherweise auch einer Kombination aus beidem?!), fallengespickten Ruinen und vielem mehr. Ein Drache der in einer Zwergenmine haust, das Wrack eines abgestürzten Luftschiffes? Oder sagenumwobene, verheißungsvolle Orte wie der verschollene Garten Nangalore, der nur darauf wartet das du ihm seine Geheimnisse entreißt. Die Bandbreite an Gegner ist groß, die Dungeons einfallsreich mit Fallen versehen und die zu erkundenden Orte wecken die Neugier, bieten aber auch die Möglichkeit zufällige Encounter ein bisschen zu individualisieren. Denn wer will schon das 97. Mal gegen eine Gruppe Krieger des Pteravolkes kämpfen?

 

© Wizard of the Coast

Inhalt und Umfang – Was bietet Tomb of Annihilation? (Spoiler-Alarm)

Aufgeteilt ist die Kampagne in fünf Teile. Erstens der Ankunft in Nyanzaru und der Beschaffung von Informationen bezüglich eures Auftrags, denn wo sich der Soulmonger befinden soll, dass weiß leider niemand so genau. Zweitens die Erkundung des Dschungels und den ersten zaghaften Versuchen den Soulmonger ausfindig zu machen. Die letzten drei Kapitel führen euch dann in die verbotene Ruinenstadt Omu, den Schrein der Nachtschlange, wo ihr gegen Yuan-Ti und den korrumpierten Paladin Ras Ni Kämpft und schlussendlich in den mehrleveligen finalen Dungeon das Tomb of the Nine Gods. Mit fortschreitender Spieldauer offenbarten sich hier jedoch einige Schwächen, denn die beiden Startkapitel sind auf den ersten Blick leider nicht mehr als eine Spielwiese um sich hochzuleveln. Farmen für die Dungeons der letzten drei Kapitel. Inhaltlich nur wenig miteinander verknüpft erscheinen die Missionen und Encounter so ein wenig zusammenhangslos, es fehlt die Kohärenz. Anders als bei z.B. Curse of Strahd bei dem man seinen Gegner von Anfang an kennt und auf ihn hinarbeitet, ihn auf dem Weg vielleicht schon trifft und sich ein wenig geleitet fühlt ist Chult, auch aufgrund des gewollten Entdeckercharakters der Handlung, eher schwierig zu erkunden. Vor allem vor dem Hintergrund der Zeitknappheit (eure Auftraggeberin stirbt wenn ihr nicht erfolgreich seid) ein schwieriges Unterfangen. Glänzen hingegen tut das Tomb of the Nine Gods. Es ist angelehnt an den bekannten Meatgrinderdungeon „Tomb of Horrors“. Hier erfahrt ihr auch wer hinter dem Todesfluch steckt. Niemand anderes als der Lich Acererak, Erschaffer des Tomb of Horrors. Er hat die neun Götter Omus abgeschlachtet und diese in einem Grabmal versiegelt. Dort hat er auch den Soulmonger platziert, ein Artefakt, das Menschen ihre Seelen aussagt und an einen Atropal verfüttert, eine unvollständige, missgebildete und irgendwann aufgegebene Kreation eines bösen Gottes. Sollte dieses Wesen genug Nahrung in Form von Seelen bekommen erwacht es in voller Stärke. Das Buch liefert interessante und für das Abenteuer relevante und nachvollziehbare Einsichten in die Motivation Acereraks (Why become a god when I can be a creator of Gods? / I build dungeons to trap and slay powerful adventurers. Their deaths and souls are my nourishment.) und ebenfalls einen Statblock (Hype!). Das Tomb of the Nine Gods bietet eine schwindelerregende Anzahl an Möglichkeiten euren Charakter sterben zu lassen. Dabei ist es aber nicht so hart wie das Tomb of Horros. Obwohl es viele Fallen gibt die euch auf der Stelle töten, ist dies doch häufig zu umgehen, indem man sich investigativ verhält oder Rätsel löst. Dennoch sollte man für den schlimmsten Fall, nämlich das der eigene Charakter das Zeitliche segnet nicht allzu zart besaitet sein, denn diese Möglichkeit besteht, zumindest im letzten Dungeon, permanent. Das Tomb bietet aber auch viele innovative Möglichkeiten für die Spieler, so kann man sich die Hilfe der begrabenen Götter sichern, auf Formen oder Elementen basierende Rätselräume bezwingen und sich die auf dem Cover befindliche Maske mit einer Sphere of Annihilation entdecken.

 

 

 

Neue Mechaniken – Fluch oder Segen?

Tomb of Annihilation bietet zudem einige neue Mechaniken, die das Spielen interessanter machen sollen. So ist der Dschungel von Chult eine Brutstätte für Krankheitserreger, sowohl in der Luft als auch im Wasser tummelt sich Getier, bei dem nur ein Biss ausreicht um euch in ein Delirium oder die totale körperliche Erschöpfung zu befördern. Entgegenwirken kann man diesen widrigen Umständen mit bestimmten Gegenständen und Mittelchen, die gegen Gold in Nyanzaru zu erwerben sind. Auch sind schwere Rüstungen im Dschungel und in der Hitze von Nachteil und geben euch bestimmte Mali. Ein schwerer Einschnitt für Klassen die auf schwere Rüstungen zurückgreifen können. Zudem gibt es ein Reisesystem was mit der im Lieferumfang enthaltenen Karte funktioniert. So bestimmt man die Dauer einer Expedition, oder ob man sich zum Beispiel verirrt. Helfen kann hier ein Reiseführer, den man gegen eine anfangs doch recht erhebliche Summe verdingen kann. Dieser weiß dann um bestimmte Rituale, Verhaltensweisen oder kennt vielleicht die Position des einen oder anderen wichtigen Ortes. Dies ist vor allem wichtig für das Zeitmanagment des Szenarios, denn dieses wurde absichtlich als Lauf gegen die Zeit entworfen. Sylvane, aber auch mögliche Wiederbelebte Angehörige eurer Gruppe, die ihr versucht vor dem Todesfluch zu retten verwesen mit jedem vergangenen Tag ein Stück mehr. Ob ihr die Seele Sylvanes oder die aller anderen retten könnt, hängt von eurem Geschick und eurer Schnelligkeit ab.

Aufwarten kann das Abenteuer auch mit zwei neuen Charakterhintergründen. Zum einem den Archäologen, was ich eine sehr passende Wahl für das Setting finde, hat er doch Kenntnisbonus auf Wildnisleben und den Umgang mit Navigations- oder Karthograpiewerkzeugen. Der Antrophologe hingegen ist offen gegenüber anderen Kulturen und wartet mit Boni auf Menschenkenntnis und Religion auf, ebenfalls sehr hilfreich und stimmig.

 

 

 

 

 

 

  • Handlung
  • Artwork
  • Entscheidungsfreiheit
  • Extras
3.6

Summary

Fazit

Als ich mir das erste Mal die Story von Tomb of Annihilation durchgelesen habe war ich begeistert. Dinosaurier, Untote, ein weltweiter Todesfluch? Klar warum nicht. Ruinen, Fallen und unsagbare Schätze? Immer her damit! Und seien wir mal ehrlich, wer wollte nicht schon einmal ein Abenteuer á la Indiana Jones erleben, oder sogar selbst Indie sein? Der neue Beruf des Archäologen macht auch dies möglich. Die Geschichte an sich ist spannend, das Setting, zumindest für mich, ein Traum. Einen, wenn auch mittlerweile verflogenen Wermutstropfen hatte das Abenteuer für mich dennoch. Es spielt sich nicht linear, ist sehr offen, teilweise würde ich es sogar unzusammenhängend nennen. Die Handlungsstränge die uns das Buch bietet sind nicht kohärent, was die Gruppe, aber auch den Spielleiter vor eine neue Herausforderung stellen. Das Ziel ist klar, den Todesfluch brechen und eine stattliche Belohnung einheimsen. So weit so gut. Doch hier und da landet man in einer Sackgasse, fühlt sich gezwungen bestimmte Informationen via NPC an die Gruppe zu übermitteln.  Lässt man sich als Spielleiter und als Spieler darauf ein, die Freiheit die einem geboten wird, ganz in D&D-Manier, ein wenig mit eigener Fantasie zu füllen entwickelt sich eine spannende, individuelle Geschichte.  Was das Abenteuer zum Schluss bietet ist einen, an das berühmte Tomb of Horrors erinnernden finalen „meatgrinder“ Dungeon, das Tomb of the Nine Gods. Auf diesem Dungeon liegt ein großer Fokus des Abenteuers, was man auch schon an der Seitenzahl sehen kann die diesem, im Vergleich zum Rest des Buches, gewidmet sind. Der finale Dungeon trumpft auf mit coolen Bosskämpfen, neuen Mechaniken, vielen tödlichen Fallen und Rätseln, sowie dem immer präsenten Nervenkitzel mit dem nächsten Schritt seinen letzten getan zu haben.

Nicht ganz warm werden konnte ich mit dem Reisesystem, sowie der Mechanik sich vor jedem Ausflug in den Dschungel mit verschiedenen Insektensprays und Verbrauchsgegenständen einzudecken. Ich denke dies sollte mehr Spieltiefe bringen, das Abenteuer ein wenig lebendiger gestaltet und den Entdeckercharakter in den Vordergrund stellen. Leider verkommt dies zu einem einfachen Ressourcenmanagment was eher stört als hilft.

Insgesamt bietet Tome of Annihilation ein großartiges Setting, eine an sich spannende Geschichte, viele sehens- und erkundenswerte Orte, Spielfreiheit und Spieltiefe. Mir gefällt das Artwork, das Appendix enthält eine solide Anzahl neuer Monster und kann mit zahlreichen Karten, sowie zwei neuen Charakterhintergründen aufwarten.

Ich würde dieses Szenario nicht unbedingt als Einsteigerabenteuer für einen unerfahrenen Spielleiter, bzw. eine unerfahrene Spielergruppe empfehlen, doch für erfahrene Spieler und Spielleiter, die Lust haben etwas in dieses Abenteuer zu investieren lohnt es sich alle Mal. Mir bereitet es aber jetzt schon viele tolle Stunden spannender Abenteuer.

 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*