Comic Review: Radius – Military-Sci-Fi Debüt aus Deutschland

©Splitter Verlag

Was zur Quelle!?

Ich habe damals meinen Grundwehrdienst abgeleistet und war so ziemlich der Einzige, dem die ganze Plackerei auch noch gefallen hat. Warum auch immer, das ganze Gedrille, Waffen putzen und Herummarschieren hat mir nicht nur nichts ausgemacht, ich hab das regelrecht genossen.

Ich hab keine Ahnung, ob das jetzt für oder gegen mich spricht, aber aus dieser Zeit stammt auch ein großes Interesse an allerlei Militärzeugs und die aus der persönlichen Erfahrung geborene Eigenheit, dass ich an jedem Actionfilm herummäkel und mir ein Finger, der falsch am Abzug hängt, praktisch den kompletten Film zerstört. Ist wohl nicht mehr mein Genre… Bei Comics bin ich da aber deutlich entspannter und darum umso interessierter an Katrin Gals Debutwerk Radius.

Gal, die gleichzeitig Autorin und Zeichnerin ist, präsentiert mit Radius eine Mischung aus Military Sci-Fi, Biohorror und dystopischer Zukunftsvision, die nicht nur optisch an Cristin Wendts Debütwerk Message erinnert. Wieso ausgerechnet dieser Genremix gerade bei weiblichen Jungautoren so beliebt ist, bleibt mir zwar ein Rätsel, aber als Genrefan bin ich der Letzte, der sich darüber beschwert.

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Menschen sind auch nur Aliens

In Radius wird das Setting gleich zu Beginn, mehr oder weniger ungefragt, erklärt. Menschen leben nun auf Radius, einem eigenartigen Planeten, der zwar erdähnliche Lebensumstände liefert, aber dessen zwei Hälften um den Kern des Planeten herumrotieren. Der Kern, der von Einheimischen als Quelle bezeichnet wird, hat aber auch Auswirkungen auf die Gesellschaft. Denn offensichtlich braucht die Menschheit die Erde überhaupt nicht, um sich in einen Kulturkampf zu stürzen. In Radius sind das zum einen die ursprünglich Adeligen, hellhäutigen und blonden Herrenmenschen die auf der Nova-Seite des Planeten leben, und welche die nach Avon ausgewanderten Menschen mit dunklerer Haut und Haaren unterdrücken und in einer fast schon abziehbildhaft wirkenden Cyberpunkdystopie festsetzen, die umso mehr durch die Novianer in den Vordergrund gerückt wird. Diese sind eine dritte Fraktion von Hybriden aus beiden Völkern.

Bis dahin klingt das erstmal relativ innovationslos, aber wo es eine unterdrückende Oberschicht gibt, muss es auch eine Rebellion geben und die beginnt in Radius mit einem Unfall in einem Forschungszentrum. Dadurch gelingt ein Virus in die Atmosphäre, der Menschen mit Maschinen verschmelzen lässt, die die Rebellion vorantreiben. Ab jetzt werden auf der Cyberpunk-Klaviatur alle Tasten angeschlagen, denn die Rebellen treffen auf eine vercyberte Truppe von versierten Haudegen, den Hellhounds, die sich als knallharte Elitetruppe verstehen, ansonsten aber extrem blass wirken. Mir als Leser fällt es nämlich sehr schwer, zu den doch recht klischeebehafteten Charakteren Sympathien aufzubauen. Selbst den Namen des Protagonisten habe ich mir nur gemerkt, weil wir denselben Vornamen teilen.

 

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Rebellion mit Style

Gal benutzt zwar einen recht generischen wirkenden Stil, der sich aber stimmig in die Atmosphäre der Military Sci-Fi einfügt. Die Charaktere sind schmal und fast stromlinienförmig, die turmhohen Gebäude haken eine weitere Box auf der Cyberpunk-Must-Have Liste ab und die futuristischen Waffen, die scheinbar konventionelle Munition verschießen, sorgen für die nötige Grittyness.

Das Charakterdesign der Hellhounds ist leicht durch ihren Beruf eingeschränkt. Modernes Militär ist nun mal selten flashy und Uniformen tragen wenig dazu bei, Charaktere individuell wirken zu lassen, Gal versucht das aber mit unterschiedlichen Helmdesigns und Frisuren zu lindern. In Erinnerung geblieben ist mir aus der ganzen Truppe aber leider niemand.

 

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Dabei ist der ganze Artstyle zwar am Computer coloriert und erscheint dadurch manchmal etwas steril, an anderen Stellen wirkt das Ganze aber fast graffitiartig. Der Stil schafft so eine eigene Atmosphäre, die hervorragend zum Thema der urbanen Rebellion passt.

Die Soldaten auf der Gegenseite sehen sich allesamt recht ähnlich, tragen hautenge Rüstungen mit allerlei Technikkram, wodurch sie sich wunderbar in die Welt des Military Sci-Fi einfügen.

Ungewöhnlicher und, meiner Meinung nach, spannender ist das Design der Rebellen. Nicht nur, dass sie durch ihren farbenfrohen Punkstyle optisch auffälliger sind, sie haben durch ihre deutlich stärker ausgeprägte Individualität auch mehr Wiedererkennungswert. Das Highlight sind aber die Biohorror-Elemente, die das steril und urbane Setting mit wunderbar schleimigen Tentakeln auflockern und so einen noch recht unverbrauchten Touch an das Genre bringen.

Optisch gibt es bei Radius also nichts zu meckern und es bleibt zu hoffen, dass die Autorin auch in den drei Folgebänden Radius‘ größten Vorteil beibehält.
Etwas kritischer sehe ich die Charaktere in der Geschichte. Zwar ist das Setting interessant, die Dialoge und Charaktere bleiben da aber im Vergleich weit zurück.

Dem gewollt klingenden Militarslang fehlt es an Authentizität und die meisten Mitglieder der Hellhounds erscheinen komplett austauschbar, einzig der Hauptcharakter Tom Ravens nimmt gegen Ende Fahrt auf. Potential ist also da und nicht zuletzt wegen des gelungenen Cliffhangers lohnt es sich die Serie im Auge zu behalten!

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Radius Band 1 – Rebellion 

  • Story
  • Setting
  • Artwork
3.7

Summary

Katrin Gal ist mit Radius – Rebellion ein gelungenes Sci-Fi Debüt geglückt. Der Artstyle ist eine gesunde Mischung aus steriler Computeroptik und punkigem Graffitistil und wird durch die sehr gelungene Umsetzung in Form eines großformatigen Hardcovers zum Hingucker im Regal.

Das Worldbuilding funktioniert, ist zwar etwas beliebig, aber man weiß sofort wo die Reibungspunkte der Parteien sind. Einzig die Charaktere sind noch etwas blass, aber da ist im Laufe der Reihe sicherlich noch Luft nach oben! Und um den Vergleich mit Message noch schnell ein Ende zu setzen, mir persönlich gefällt Radius deutlich besser.

ISBN:  978-3-96219-321-8

Umfang: 96 Seiten, farbig

Maße: 12×18

Hardcover

Preis: EUR 19,80, erschienen bei Splitter Verlag

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