Sekiro – Shadows Die Twice für die PlayStation 4 im Review: Schatten sterben zweimal, oder auch ein paar hundert Mal mehr

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Von Dark Souls zu Bloodborne zu Sekiro

Manche Spiele sind untrennbar mit einem Ruf verbunden. World of Warcraft ist der Prototyp für MMOs, Fortnite ist das Urgestein der Battle Royale Shooter und Street Fighter ist ein Prügelspiel, das jeder kennt. From Software hat mit seinen Action-RPGs  den Game Over Screen mit seinem prägnanten YOU DIED Schriftzug in das kollektive Bewusstsein gememed. In einer Zeit, in der Spiele immer zugänglichere Mainstreamunterhaltung werden, hält das japanische Studio seinen Spielern tapfer vor, wie nachlässig sie dadurch geworden sind. Und damit haben sie tausende Fans auf ihrer Seite, die munter vor sich hinsterben, bis sie den hinterhältigsten Boss besiegen oder ihren Gamepad durch das Zimmer pfeffern, weil schon wieder tausende Erfahrungspunkte unwiederbringbar verschwunden sind. Und dieser Schwierigkeitsgrad ist ein eher unscheinbarer, aber enorm wichtiger Faktor, an dem man messen kann, dass die Leute bei From Software wahre Videospielgenies sind, denn die Kämpfe in den bisherigen Spielen sind immer schwer, immer fordernd und selbst die einfachsten Gegner erlauben keine Fehler; Die Spiele sind aber nie unfair, der Spieler stirbt man immer aus nachvollziehbaren Gründen und jeder Sieg fühlt sich an, als hätte man ihn sich auch redlich verdient. Ob dieses Husarenstück auch in Sekiro: Shadows Die Twice gelingt, erfahrt ihr in unserer Review.

Der geheimnisvolle Sculptor in seiner Werkstatt ©From Software

Stories und andere Kleinigkeiten

Statt wie bisher in reinen Fantasiewelten stattzufinden, spielt die Handlung von Sekiro: Shadows Die Twice in einer Fantasyvariante Japans im 16. Jahrhunderts. Ein wandernder Shinobi findet ein namenloses Straßenkind und nimmt es unter seine Fittiche. Der Junge, der fortan Wolf genannt wird,  mausert sich zu einem namhaften Shinobi und tritt in die Dienste des als heiligen Erben betitelten Kuro. Dieser wird jedoch von Genichiro entführt und trennt in demselben Gefecht Wolfs Arm ab. Der Shinobi erwacht kurz darauf in einem Tempel und erhält dort vom mysteriösen Sculptor eine Prothese, die Wolf mit ungeahnten Fähigkeiten ausstattet und ihm dabei hilft, Kuro wiederzufinden. Gleichzeitig breitet sich aus unbekannten Gründen in Japan eine Krankheit aus, die Dragon Rot genannt wird und zahlreiche Leute in den Tod reißt und in direktem Zusammenhang mit der Wiederbelebung Wolfs zu stehen scheint.

Die Handlung wird in Dialogen und kurzen Videosequenzen erzählt und sorgt für eine stimmige Atmosphäre, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Ähnlich wie schon in den Vorgängerspielen muss sich der Spieler aber viele Teile der Lores selber erschließen. Konzentriert man sich dabei zu sehr auf die Kämpfe, kann es daher schnell passieren, dass man den Faden verliert.

Es hat sich ausgerittert!

Dark Souls war als das Spiel mit dem Schild bekannt. Doch die Sicherheit, die mit der Rüstung und dem Kampfstil des Ritters einherging, meldet sich in Sekiro ab. Wolf ist ein Shinobi und zieht beim Kampf auch alle Register, die man von einem Ninja erwartet. Ausgestattet mit seinem Katana und verschiedenen Aufsätzen für seine Prothese, kann Wolf sich mit jeder Art von Gegner anlegen. Im offenen Kampf kann man dabei jeder Art von Attacke mit dem passenden Timing entgehen. Normale Angriffe lassen sich mit dem Schwert parieren, Stichangriffe lassen sich mit dem Ausweichknopf umgehen und weite Sweeps lassen sich gekonnt überspringen. Dabei ist es auch ganz egal, wie groß oder schnell der Gegner ist, irgendwo ist immer eine Lücke, wenn man sich traut, sie auszunutzen.

Aber der offene Kampf ist nicht immer der beste Weg und auch dafür hat Sekiro eine Lösung. Die Entwickler haben sich ganz offensichtlich bei Tenchu inspirieren lassen, denn im Gegensatz zu den Vorgängerspielen, ist Sekiro auch ein Schleichspiel. Schleicht man sich an einen Gegner heran, egal ob versteckt in hohem Gras oder per Grapplinghook über die Dächer, kann man eine Todesanimation auslösen, die den Gegner direkt ausschaltet. Den Marker für den Todesstoß kann man übrigens auch im direkten Kampf auslösen, wenn man es schafft, dem Gegner ausreichend Staminaschaden zu verpassen, beispielsweise durch geschickte Paraden. Dadurch entstehen äußerst intensive Gefechte, bei denen auf jeden Fehler des Gegners geachtet werden muss, denn jeder Schlagabtausch kann dadurch sofort tödlich enden. Die Prothesen sind dabei ein ganz eigenes Kapitel für sich. So kann man Wolf gleichzeitig mit bis zu drei unterschiedlichen Prothesen ausrüsten, die verschiedenste Möglichkeiten offenbaren. Alle bieten den Grapplinghook, mit dem man sich auf höher gelegen Punkte ziehen kann, andere werfen beispielsweise Shuriken, explodieren laut um Tiere und Monster zu erschrecken oder stoßen einen Flammenstoß aus. Dabei gibt es rund 10 Varianten, die in einem Skilltree unterschiedlich verbessert werden können.

Eine weitere Neuerung ist der neue Ablauf beim Videospieltod. Statt wie bisher alle seine Seelen zu verlieren, mit der Option, sie wieder zurückzuholen, läuft das bei Sekiro anders. Es gibt im Prinzip zwei Währungen, Geld und das hiesige Seelen-Äquivalent. Statt nach dem Tod seine Leiche wiederfinden zu müssen, verliert man in Sekiro meistens einfach die Hälfte. Hat man das Limit erreicht, um eine Stufe aufzusteigen, fällt man von dort aber nicht weiter und man kann überschüssiges Geld in etwas teurere Geldbeutel umtauschen. Stirbt man übrigens seltener, dann fällt die Dragon Rot Anzeige langsamer, sodass sich die Chacne erhöht, dass man beim Ableben überhaupt nichts verliert. Das System ist zwar anders, aber sterben bleibt weiterhin ein großes Risiko und macht das Spiel umso spannender.

Ja, das ist alles Teil des Levels!
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Weniger RPG, mehr Action & Balancing 

Doch der Wechsel des Settings ist nicht der einzige Umbruch in der Serie. Dark Souls bot noch jede Menge unterschiedliche Rüstungen und Waffen, Bloodbourne hatte auch noch eine handvoll, Sekiro hingegen gibt dem Spieler hierbei keine Wahl mehr. Auch das Stat-System wurde fast komplett über Bord geworfen. Und meiner Meinung nach fällt von Sekiro damit eine Menge Ballast ab, denn das kleinteilige herumnerden im Minimalzahlenbereich sorgte dafür, dass man sich tatsächlich schlicht verskillen konnte. Das passiert in Sekiro nun nicht mehr, denn verbesserte Angriffsstärke oder Lebenspunkte gibt es jetzt immer an fixen Punkten. Da mag es von anderer Seite Kritik geben, aber ich, als bekennender Rollenspielfanboy, finde, das sich ein Rollenspiel aus mehr zusammensetzt als aufwertbaren Attributen. Zwar ist es etwas schade, dass man den Hauptdarsteller nicht mehr optisch verändern kann, andererseits ist das Design aber auch astrein. Und in Sekiro ist man nunmal Wolf, der Shinobi.

Gewöhnt euch dran.
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Oh! AH! IIIH!!!

Die Welt von Sekiro ist ein weiteres Highlight. Die Areale sind abwechlungsreich und riesengroß und wie man es von From Software mittlerweile auch erwartet super smart miteinander verbunden. Immer wieder trifft man auf Türen, die einem einen verkürzten Weg in ein bisher bekanntes Gebiet ermöglichen und so den Eindruck erwecken, die Welt sei tatsächlich aus einem Guss. Dabei sieht Sekiro aber greifbar anders aus, denn durch den Grapplinghook ergeben sich ganz neue Bewegungsmöglichkeiten, so dass die Level deutlich vertikaler sind, als bei vergleichbaren Games.

Dabei bleiben die Arealen abwechslungsreich, haben aber eine eigene, wiedererkennbare Identität. So schlägt Wolf sich über Dörfer, Gebirgszüge, Höhlen und Abwasseranlagen.

Ähnlich beeindruckend ist auch die technische Seite. Das Spiel sieht schlicht klasse aus. Die dunklen Farben unterstützen die mystisch-düstere Atmosphäre, die Animationen sind lebensecht und abwechslungsreich und das Monsterdesign bleibt weiterhin eine Stärke von From Software. Egal ob einfache Menschen, gewaltige Oger oder kleinwüchsige Froschwesen, jeder Gegner hat einen einzigartigen Style und einen dazu passenden Kampfstil. Passend dazu gelingt der atmosphärische Soundtrack, untermalt vom Aufschlag blitzender Klingen und japantypischer Blutfontänen, hervorragend. Einzig die Steuerung ist manchmal etwas hakelig, wenn es um die gelegentlich eingestreuten Plattforming-Elemente geht. Ansonsten wirkt Sekiro aber komplett auf hochglanz poliert.

Überraschung!
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  • Story
  • Grafik
  • Gameplay
  • Sound
4.4

Fazit

Ich will hier gar nicht lange um den heißen Brei herumreden. Sekiro: Shadows Die Twice ist erneut ein Geniestreich von From Software und ein ganz, ganz großer Anwärter auf das Spiel des Jahres. Und das bereits im März. Es macht unfassbar viel Laune sich auf den erstaunlich vertikalen Maps herumzuzappen, als wäre man Ninja Batman, jeder Kampf erfordert höchste Konzentration und ist dennoch machbar, wenn man sich schlau anstellt. Das Kampfsystem ist dermaßen befriedigend und tiefgehend, dass es ebenbürtig neben vollwertigen Beat-em-ups bestehen könnte und zu guter Letzt sieht Sekiro auch noch klasse aus. Wenn die Steuerung nicht gelegentlich etwas hakelig wäre und die Geschichte etwas mitreißender erzählt werden würde, dann wäre locker die Höchstwertung drin.

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