Wolfenstein: Youngblood für die PlayStation 4 im Review: ONCE UPON A TIME IN NAZI OCCUPIED FRANCE

© MachineGames

Als 2009 Wolfenstein von Raven Software damals noch über das Activision-Label erschien, wäre es beinahe das Aus für die altehrwürdige Marke gewesen, die noch Anfang der 00er Jahre mit Return to Castle Wolfenstein einen modernen Klassiker hervorgebracht hat – Es ist beileibe nicht so, dass der Titel schlecht war – retrospektiv betrachtet ist sogar vielmehr das Gegenteil der Fall – Aber die angestaubte id Tech 4-Optik, die schon bei Doom 3 und Quake 4 zum Zuge kam, und das eher anachronistische Festhalten an Shooterkonventionen vergangener Dekaden schien in Anbetracht der eher knackigen CoDs nicht sonderlich attraktiv für den Massenmarkt. Erst mit Bethesda/Zenimax als Publisher und den schwedischen MachineGames als Entwickler konnte der Marke fünf Jahre später wieder neues Leben eingehaucht werden. The New Order war ein Shooter alter Schule, der den brachial-rotzigen Old-School Ansatz um eine packende Inszenierung zwischen Trash und Arthouse ergänzte und das Setting in eine alternative Realität der 1960er Jahre versetzte. Das Rezept ging auf: Nach der Stand Alone-Erweiterung „The Old Blood“, die in gewisser Weise ein Semi-Remake von Return to Castle Wolfenstein ist und dem direkten Nachfolger „The New Colossus“ folgte nun jüngst das Spin-Off „Wolfenstein Youngblood – Gleichzeitig markiert dieser Teil eine Zäsur in doppelter Hinsicht: Innerhalb der Reboot-Reihe ist es der erste Teil, der in Kooperation mit den derzeitigen „Immersive Sim“-Experten von den Arkane Studios (Dishonored, Prey) entstanden ist und zugleich auch der erste der gesamten Wolfenstein-Historie, in dem wir nicht den Nazijäger-Veteranen B.J. Blazkowicz spielen. Stattdessen schlüpfen wir in die Rolle seiner jugendlichen Zwillinge Jessica und Sophia Blazkowicz. Offenere Levelstrukturen- RPG- und Loot-Mechanismen sowie ein optionaler Koop – Kann das gut gehen? Wir verraten es euch in dieser Review.

ONCE UPON A TIME IN NAZI OCCUPIED FRANCE

Wolfenstein Youngblood spielt rund 20 Jahre nach Wolfenstein II: The New Colossus – Die U.S.A. und ein Großteil der restlichen Welt sind nicht zuletzt aufgrund der Verdienste von B.J. Blazkowicz aus den Fängen der Nazi-Schergen befreit worden. B.J. und seine Frau Anya können ihre Zwillingstöchter Jessica und Sophia unter friedlichen Umständen aufziehen, während diese aber in Anbetracht des nach wie vor präsenten Nazi-Regimes zu Überlebenskünstler*Innen erzogen werden, die sowohl im Nahkampf- als auch im Waffengebrauch geschult sind. 1980 verschwindet der Vater auf mysteriöse Weise – Er scheint wie vom Erdboden verschluckt. Jess, Soph und die beste Freundin Abby (die Grace Walker’s Tochter ist) entdecken in einem geheimen Raum auf dem Dachboden eine Karte, die darauf deutet, dass Blazkowicz ins Nazi-besetzte Neu-Paris gereist ist, um den dortigen Widerstand zu treffen. Im Glauben, dass die amerikanischen Behörden Blazkowicz nicht nach Nazi-Frankreich folgen werden, stehlen die Teenager kurzerhand einen Helikopter vom FBI und ein Paar Kampfanzüge mit besonderen Fähigkeiten und brechen damit nach Frankreich auf.

Wolfenstein
© Bethesda/Zenimax

Dort angekommen, treffen wir in den Katakomben von Neu-Paris prompt auf den Widerstand, repräsentiert von der resoluten Juju – Die Akteure des Widerstands zu finden ist im Spiel quasi unsere erste Amtshandlung als angehende Nazijägerinnen. Juju bestätigt, dass sie sich mit B.J. getroffen habe, weiß aber nichts über dessen Verbleib. Eine Infiltration der „drei Brüder“ – schwer bewachter Wachtürme soll für Aufklärung sorgen.

DÜNNE HANDLUNG, KLASSE WORLD-BUILDING

Wolfenstein Youngblood ist durch seine non-linearen Ansätze weniger erzählgetrieben als die beiden MachineGames-Vorgänger. Das ist irgendwo schade, weil gerade das eine zentrale Stärke von The New Order und The New Colossus war. Es gibt demnach weniger cineastische Cut-Scenes, die zwischen großer Emotion und B-Movie Ästhetik pendeln und dem krawalligen Vergnügen den nötigen emotionalen Punch verleihen. Im Gegenteil: Durch die offene Erzählweise wird die ohnehin recht dünne Handlung noch ein wenig mehr ausgedünnt. Es gibt durchaus unvorhersehbare Twists, ja, aber selbst die gehen in der Offenheit des Ganzen unter. Ich hätte mir außerdem gewünscht, dass die beiden Protagonistinnen sich weniger plakativ jugendlich und klamaukig geben. Zwischendurch wird es schlicht albern und zwar auf eine recht unglaubwürdige Art und Weise. Jess und Sophie werden dadurch zu echt mediokren, weil überdreht teeniehaften Protagonistinnen. Ein wenig mehr Ausgewogenheit bei der Charakterzeichnung hätte viel gebracht.

© Bethesda/Zenimax

Auf der anderen Seite find ich das World-Building absolut klasse – Das nazibesetzte Paris ist trotz aller faschistischen Schergen und totbringender Mechs immer noch klar in den schillernd-schummrigen 1980ern verhaftet, oder vielmehr einer pervertierten Version davon: Elektronische Spiele wie „Tetris“ werden hier in teutonischster Manier als „Ziegelspiel“ vertrieben. Aus den Radios dröhnen nazifizierte Musikstücke von fiktiven Künstlern in bester Neue Deutsche Welle-Manier: Da beweisen MachineGames echten Humor: So gibt es Stücke wie „Mond Ja“ von der Gruppe „Die Käfer“, das ein wenig nach Blue Monday von New Order klingt – Auch fantastisch ist das Stück „Mein Kleiner Käfer“ von dem fiktionalen Interpreten „Hans“, das mit Zeilen aufwartet wie:

Oh, ich mach‘ mich auf den Weg zu ’nem Autohändler

Mein kleiner Volkswagen, der macht es nicht mehr

Kauf‘ mir ’nen riesen Mercedes Benz stattdessen

Den fahr ich dann aus, wie besessen

Und auch sonst ballern wir uns durch hübsche Kulissen: Prächtige Boulevards mit opulenter romanischer Architektur– aber eben verzerrt durch die retrofuturische faschistoide Brille. Cool: In unserer Homebase in den Katakomben, in welcher wir auch Nebenquests von den zahlreichen NPCs entgegennehmen, befindet sich ein Automat mit dem ursprünglichen Wolfenstein 3D. Und auch die retrotechnologischen Elemente wie die dicken Computer mit Terminal und Floppydisks tragen zur dichten 1980er Atmosphäre bei.

© Bethesda/Zenimax

BEFRIEDIGENDES GEBALLER MIT RPG-ELEMENTEN IM KOOP-MODUS

Durch die Beteiligung der Arkane Studios setzt das Youngblood-Spin Off andere Schwerpunkte als die Vorgänger: Die Levelstrukturen sind offener und komplexer gestaltet – Ähnlich wie in Dishonored oder meinetwegen auch BioShock Infinite haben wir hier das Metroidvania-Prinzip vorliegen: Die Katakomben und das Metro-System der Stadt dienen als Hub, um die verschiedenen Bezirke in Neu-Paris miteinander zu verbinden. Bestimmte Bereiche der Stadt können nur dann betreten werden, wenn man das entsprechende Rüstzeug mitbringt – Bestimmte Türen etwa lassen sich ausschließlich mit bestimmten Spezialwaffen wie Laser- Diesel- oder Elektrokraftwerken zerschmelzen. Aber auch sonst gibt es überall Straßenzüge- Abkürzungen- und Untergrundpassagen zu entdecken. Durch die verschachtelte, aber weitgehend stimmige Levelstruktur lädt die Welt verstärkt zur Exploration ein. Hier gebührt den Experten von den Arkane Studios großes Lob.  

© Bethesda/Zenimax

Als Ressourcen sammeln wir neben Geld auch für jeden abgeschossenen Gegner unterschiedlicher Gewichtsklasse eine entsprechende Anzahl an Erfahrungspunkten. Zu Beginn wählen wir die jeweilige Schwester und eine Motorrüstung aus, eine Entscheidung, die primär kosmetischer Natur ist. Allerdings müssen wir darüber hinaus aus einer Reihe von Fähigkeiten wählen: Tarnung macht uns etwa kurzzeitig unsichtbar, mit Rammbock können wir im Nahkampf mehr Schaden anrichten. Und mit Unterstützung können wir beispielsweise für einen temporären Zeitraum die Rüstungswerte erhöhen. Youngblood ist durchgängig im Koop angepeilt: Das heißt – Auch im Solo-Spiel bekommen wir als Koop-Partner immer die KI-gesteuerte Schwester zur Seite gestellt. Das volle Potential entfaltet das Spiel natürlich mit einem menschlichen Mitspieler – leider gibt es für Youngblood allerdings keine lokale Koop-Möglichkeit. Als Zwillinge teilen wir uns einen gemeinsamen Pool an Extraleben, die zwar mit entsprechenden raren Kisten aufgefüllt werden können, aber sonst an das (Ab)leben der Schwester gekoppelt sind. Hier muss man sagen, dass die KI zwar grundsätzlich okay ist, aber dennoch öfter furchtbar unsmarte Dinge tut, und deshalb im Auge behalten werden sollte. Ein menschlicher Mitspieler erhöht den Fun-Faktor hier deshalb deutlich.

© Bethesda/Zenimax

Wolfenstein: Youngblood hat auch deshalb einen vergleichsweise starken „Immersive Sim“- respektive „RPG“-Charakter, weil es einen recht stark ausbaubaren Skilltree gibt. Durch die Fähigkeiten kann man quasi wahlweise zum richtigen Brecher- oder aber Sneaky Pete werden, der das Spiel in Stealth-Manier angeht. Die spürbare Charakterentwicklung hat mir hier tatsächlich gut gefallen, weil es nicht ganz so komplex wird wie in einem Deus Ex, aber genug, um nicht wie der Shooter von der Stange zu wirken. Hier gibt es dezente Ähnlichkeiten zu Rocksteadys Arkham-Reihe.

NERVIGES RESPAWNING UND INFLATIONÄR GESETZTER LOOT

Wolfenstein: Youngblood hat neben der leicht doofen KI (Gegner- UND KI-Partnerin betreffend) – und der im Vergleich zu TNO und TNC schwächeren Narration auch noch andere Probleme, die es aus einem per se sehr guten Titel, lediglich einen überdurchschnittlichen machen: Zum einen wäre hier das permanente Respawnen von Gegnern in bereits gesäuberten Gebieten zu nennen. Zum anderen wäre es der schiere Überfluss an Loot – Gerade ersteres treibt einen schier zum Wahnsinn und ist an Nervigkeit kaum zu überbieten: Und es ist nicht einmal so, dass man die Nazis später gemütlich im Schnelldurchgang niedermähen kann, weil man selbst ein höheres Level mitbringt. Nein, zu allem Überfluss leveln die Gegner fleißig mit und bleiben trotz eher mittelmäßiger Intelligenz eine Herausforderung – zumal einige Gesellen mit stärkerer Panzerung unverhältnismäßig ausdauernd sind.

Wolfenstein
© Bethesda/Zenimax

Ein dezent höherer Schwierigkeitsgrad muss wahrlich nichts Schlechtes sein – Leichte Kost waren die Vorgänger schließlich auch nicht unbedingt: Aber gerade, weil durch die Metroidvania-artige Struktur doch das ein oder andere Backtracking-Moment da ist, fühlt man sich im Forschungstrieb gehemmt, wenn man abermals die drölfmillionen Gegner umnieten muss.

Die zahlreichen Collectibles tragen gerade in Relation zu den vielen gelungenen Aspekten des Welt- und Leveldesigns nichts Wichtiges bei, um sie glaubwürdiger zu machen. Hier haben die Entwickler schlicht übertrieben. Hier stellt sich ein ähnliches Phänomen ein, wie beispielsweise bei den jüngeren Bioware-Titeln Mass Effect Andromeda und Dragon Age Inquisition: Die Suche nach Loot wird mehr zu einem größer angelegten Wimmelbild Spiel und führt die mühsam konstruierte künstlerische Vision der Welt ad absurdum.

Ein weiterer Störfaktor in Youngblood waren für mich die Mikrotransaktionen: Wem das mühselige Zusammenkratzen von In-Game-Geld zu zeitaufwendig ist, kann gegen Echtgeld digitale Goldbarren erwerben um den Prozess zu beschleunigen. Zwar haben die Leute von MachineGames immer wieder betont, dass das nur kosmetischer Natur ist und man zu keinem Zeitpunkt dazu animiert werde, wirkliches Geld zu investieren, allerdings hat das Ganze für mich dennoch einen schalen Beigeschmack. Mitunter auch deshalb, weil ich die beiden Vorgänger bezüglich fehlender Mikrotransaktionen so sympathisch altmodisch fand.

Zu guter Letzt noch eine Info: Erstmalig gibt es von einem Wolfenstein-Titel eine vollkommen ungeschnittene „Internationale Fassung“ in Deutschland zu erwerben, in welcher auch die verfassungsfeindlichen Symboliken wie Hakenkreuze auftauchen dürfen. Möglich macht es die sogenannte Sozialadäquanzklausel: Statt wie üblich gegen „Das Regime“ mit seiner alternativen Symbolik, kämpft man in dieser Fassung auch tatsächlich gegen klassische Nazis. Parallel zu dem Release gibt es aber nach wie vor die deutschsprachige Version, in welcher immer noch gegen das „Regime“ gekämpft wird.

Fazit:

Wolfenstein: Youngblood ist ein per se gutes Spin-Off: Gerade für die weiteren „richtigen“ Wolfenstein-Teile von MachineGames könnte ich mir die weitere Beteiligung der Arkane Studios ganz gut vorstellen. Die deutlich komplexere Levelstruktur mit ihrem Metroidvania-Vibe fühlt sich gleichzeitig frisch und nostalgisch an – Die durchaus anspruchsvollen RPG-Mechaniken mit ihrer spürbaren Charakterentwicklung sind ebenfalls ein Aspekt des Spieles, das mir gut gefallen hat. Zudem empfinde ich die 1980er Kulisse mit ihrem Mix aus teutonisierten Popkultur-Parodien, beklemmend faschistoidem Retrofuturismus und den klassischen Pariser Prachtbauten als ebenso absurd, wie faszinierend. Aus einem sehr guten Spiel, wird aber leider Gottes nur ein solides Spiel: Die permanent respawnenden und mitlevelnden Gegnerwellen zehren an den Nerven- der Überfluss an Loot wirkt wie liebloses Stückwerk, das eine liebevoll gemachte Welt entwertet und die Offenheit der Spielmechanik fragmentiert die ohnehin schon zu dünne Handlung noch weiter. Das ist schade, denn Wolfenstein: Youngblood hätte mehr sein können als die Summe der einzelnen Teile. Allerdings bin ich mir sicher, dass MachineGames und Arkane Studios aus dem Experiment lernen können und einen stärkeren Nachfolger auf den Weg bringen.

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  • Geschichte
  • Inszenierung/Regie
  • Grafik
  • Sound(track)
  • Pacing
  • Spielwelt/Details
  • Missionsdesign
3.5

Fazit

Wolfenstein: Youngblood ist ein per se gutes Spin-Off: Gerade für die weiteren „richtigen“ Wolfenstein-Teile von MachineGames könnte ich mir die weitere Beteiligung der Arkane Studios ganz gut vorstellen. Die deutlich komplexere Levelstruktur mit ihrem Metroidvania-Vibe fühlt sich gleichzeitig frisch und nostalgisch an – Die durchaus anspruchsvollen RPG-Mechaniken mit ihrer spürbaren Charakterentwicklung sind ebenfalls ein Aspekt des Spieles, das mir gut gefallen hat. Zudem empfinde ich die 1980er Kulisse mit ihrem Mix aus teutonisierten Popkultur-Parodien, beklemmend faschistoidem Retrofuturismus und den klassischen Pariser Prachtbauten als ebenso absurd, wie faszinierend. Aus einem sehr guten Spiel, wird aber leider Gottes nur ein solides Spiel: Die permanent respawnenden und mitlevelnden Gegnerwellen zehren an den Nerven- der Überfluss an Loot wirkt wie liebloses Stückwerk, das eine liebevoll gemachte Welt entwertet und die Offenheit der Spielmechanik fragmentiert die ohnehin schon zu dünne Handlung noch weiter. Das ist schade, denn Wolfenstein: Youngblood hätte mehr sein können als die Summe der einzelnen Teile. Allerdings bin ich mir sicher, dass MachineGames und Arkane Studios aus dem Experiment lernen können und einen stärkeren Nachfolger auf den Weg bringen.

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