Yakuza 3 Remastered für die PlayStation 4 im Review: Was kann das Yakuza HD-Debüt heute noch?

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Als Yakuza 3 anno 2010 für die PlayStation 3 erschien, war das für mich damals ein Grund, die Plattform zu wechseln. Eigens für SEGAS Unterwelt-Epos in hochauflösendem Glanz schwor ich der Redmond-Konsole zumindest partiell ab und machte einen intensiveren Abstecher ins Sony-Exklusiv-Lager. Enttäuschend war aber damals die Art und Weise, wie SEGA mit der IP umgegangen ist. Ob der eher semiguten Verkaufszahlen der beiden PlayStation 2-Vorgänger (die beide mittlerweile erfolgreich als Kiwami und Kiwami 2 geremaked worden sind) erschien Yakuza 3 damals nicht nur ein Jahr später, sondern zu allem Überfluss in einer stark geschnittenen Variante: SEGA ging offenbar davon aus, dass bestimmte Substories und auch die Hostess-Bars als Inhalte für das westliche Publikum ungeeignet seien und strich sie daher ersatzlos. In der Fangemeinde kam es zum Aufschrei, waren genau jene Inhalte in den Vorgängern doch noch präsent. Auch die Lokalisierung war eher schlampig als ideal: Aus dem Waisenhaus, das in Yakuza 6: Song of Life korrekterweise Morning Glory heißt, wurde damals noch das „Sunshine Orphanage“ gemacht, was sich über die weiteren Nachfolger kontinuierlich fortsetzen sollte und die durchaus wichtige „Kazama Familie“ wurde in den englischen Ausgaben fälschlicherweise als „Fuma Familie“ tituliert, um Verwechslungen mit dem Vornamen des Hauptprotagonisten vorzubeugen. Kurzum: Die westliche Fanbase wurde für blöd gehalten. ein Als kleine Entschädigung wurde den westlichen Releases damals der Soundtrack als CD-Beigabe dazugelegt. Die gute Nachricht vorab: Die Mängel wurden bei der Remastered-Fassung von Yakuza 3 vollständig behoben: Wir haben eine komplette und vor allem auch komplett relokalisierte Fassung des Urspiels. Alleine dafür lohnt es sich für Fans der Reihe, das Remaster nochmal anzuschaffen. Ob das immerhin 10 Jahre alte Original aber auch ohne umfangreiche Kiwami-Frischzellenkur inhaltlich und spielerisch überzeugen kann, erfahrt ihr in dieser Review.

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PAPA KAZUMA: Zwischen zärtlicher Vaterfigur und schlagkräftigem Yakuza

Retrospektiv betrachtet wirkt Yakuza 3 beinahe wie der Zwilling zum letzten Haupttitel Yakuza 6: Song of Life, der die Geschichte um Kazuma Kiryu zuletzt würdevoll beendete. Beide Teile wirken in ihrem erzählerischen Kern deutlich entschleunigter als der Rest des Franchises und in beiden Teilen steht sowohl die Figur Kiryu im Fokus sowie dessen väterlich-zärtliches Verhältnis zu Ziehtochter Haruka und den Kids des Waisenhauses, die er nunmehr unter seine Fittiche nimmt. Viele Momente beider Teile zielen deshalb auf die friedlichen und mal mehr, mal weniger kontemplativen Momente in diesem Umfeld ab, um die Sehnsucht des alternden Yakuza nach einem normalen Leben zu verdeutlichen. Beide Teile bilden zudem neben dem urbanen Vergnügungsviertel Kamurocho einen maritimen Kleinstadt-Mikrokosmos ab: Während es in Yakuza 3 die Insel Okinawa ist, ergründen wir in Yakuza 6 die Geheimnisse der Hafenstadt Onomichi in der Präfektur Hiroshima.

Was ist bislang passiert? Nach den Geschehnissen aus Yakuza 2 bzw. Kiwami 2 und dem kräftezehrenden Kampf gegen den Omi Clan aus Kansai – angestiftet durch Kiryus Nemesis Ryuji Goda – möchte sich der gutmütige Hüne aus der Welt des organisierten Verbrechens vollständig zurückziehen. Er beschließt ein Waisenhaus auf Okinawa aufzumachen, das Morning Glory, um nicht nur seiner Ziehtochter Haruka Sawamura ein friedliches Leben zu ermöglichen, sondern auch einer Reihe von anderen Kids aus schwierigen Lebensumständen zu helfen. Mit diesem Vorhaben setzt er seinem Stiefvater Shintaro Kazama gewissermaßen ein Vermächtnis – der bereits Jahrzehnte zuvor den verwaisten Klein-Kiryu in seinem Waisenhaus Sunflower Orphanage unter die väterlichen Fittiche nahm.

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Blöd nur, dass das Land, auf welchem das Waisenhaus steht, in den Interessenfokus zweier nationaler Politiker gerät und recht bald auch die Yakuza mit bei den geplanten Bauvorhaben involviert ist. Zum etwa gleichen Zeitpunkt wird sowohl auf Daigo Dojima, den ersten Vorsitzenden des Tojo-Clans ein Attentat verübt, als auch auf Shigeru Nakahara – ein Mitglied der auf Okinawa beheimateten Ryudo-Familie, zu der Kazuma ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Beide Taten tragen etwa dieselbe Handschrift, weshalb sich Kazuma dazu entschließt einmal mehr den inneren Drachen von Dojima freizulassen, um dem mysteriösen Komplott auf den Grund zu gehen – nicht zuletzt auch deshalb, weil das Phantombild des Angreifers Kiryus Ziehvater Shintaro Kazama entspricht.

Was hat es damit auf sich? Die Antwort auf diese Frage führt nicht nur zurück ins wohlbekannte Kamurocho, sondern auch zu einem mysteriösen Triaden-Netzwerk, welches sich das Tokyoter Vergnügungsviertel aneignen will.

EIN KLEINER RUHEPOL INNERHALB DER REIHE

Die Story von Yakuza 3 war nach den recht narrativ recht linearen ersten Teilen damals die erste, die so ein bisschen zerfahren anmutete. Das politische Ränkespiel unter Beteiligung externer krimineller Kräfte wirkte auf weite Sicht zwar komplex, aber nicht immer ganz nachvollziehbar. Es war auch ein kleiner Ausblick auf die multiperspektivischen, großangelegten Polit-Thriller-Ansätze, die mit Yakuza 4 und erst recht mit Yakuza 5 folgen sollten. Warum Yakuza 3 erzählerisch dennoch auch heute noch ein kleiner Höhepunkt oder vielmehr ein kleiner Ruhepol innerhalb der Reihe ist, ist weitgehend auf die intimen Momente auf Okinawa zurückzuführen: Jedes Kind etwa hat ganz eigene alterstypische Interessen und Problemchen: Der sportvernarrte Koji etwa bringt dem jüngeren Mitsuo das Baseball-Spiel bei, muss aber später feststellen, dass dessen sportliches Talent seines möglicherweise in den Schatten stellen könnte. Oder der intelligente, aber extrem schüchterne Shiro, der an der Schule vom Klassentyrannen gemobbt wird, dessen Vater Hashimoto aber wiederum der Klassenlehrer ist und Kazuma bei entsprechender Konfrontation damit droht, das Waisenhaus dichtzumachen. Generell ist das kleinstädtisch geprägte Okinawa mit seinen weiten Stränden und der herzlichen Bevölkerung eine willkommene Abwechslung zum urbanen Dschungel Kamurochos. Die Bindung an die Kids und die lokalen Einheimischen gelingt dem Spiel erzählerisch so vorzüglich, dass man die Kinder wirklich als Familie wahrnimmt. Die behutsamere Erzählweise der sonst so actiongetriebenen Reihe sorgte damals für einigermaßen Kritik unter den Fans, ich hingegen empfand den ruhigen Tenor als genau richtig. Tatsächlich zerfällt der Plot immer dann ein wenig, sobald es wieder nach Kamurocho geht.

ANACHRONISTISCHE TECHNIK UND SPIELMECHANIK

Yakuza 3 sieht nicht furchtbar aus – Im Gegenteil: Optisch ist der Titel für sein Alter vergleichsweise okay gealtert. Gerade die Mimiken und Gesten der relevanten Akteure sehen immer noch recht gut und state-of-the-art aus, wenn man so will. Kamurocho und auch Okinawa strotzen immer noch vor kleinen und feinen Details en masse, etwas was der Yakuza-Reihe schon immer über die technischen Defizite hinweggeholfen hat. Allerdings kommt man nicht umhin zu bemerken, dass die Texturen an vielen Stellen PS3-typisch recht verwaschen oder eben sehr aufgepappt wirken. Und gerade bei den steifen Animationen und den etwas groben Polygon-Modellen merkt man die Last-Gen-Wurzeln ebenso deutlich. Einen Kiwami-Rundum-Overhaul wie die beiden Vorgänger hat Yakuza 3 also leider nicht bekommen – Allerdings stecken die technischen Überarbeitungen hier auch unter der Haube: Neben der höheren Auflösung, ist das PlayStation 4 Remaster etwas farb- und kontrastreicher als das Original. Ich hab zum Vergleich das Original reingeschmissen und war kurz verwundert, wie limitiert die Farbbandbreite der PS3-Fassung ist – gerade weil ich Yakuza 3 als einen der bunteren Serienableger im Kopf hatte. Ansonsten läuft das Spiel auf der PlayStation 4 Pro butterweich in 60 FPS bei 1080p, während bei der regulären PS4 das Bildmaterial auf 1850×1040 Pixel gestaucht wird, wie man es von Yakuza Kiwami 1 und Yakuza Zero kennt (also jenen Teilen, die noch auf der ersten Dragon Engine beruhen) –  an der technischen Umsetzung des Remasters ist also per se nichts auszusetzen.

Yakuza 3
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Allenfalls die Cut Scenes hätte auch ruhig auf 1080p skaliert werden können. Die bleiben in der originalen Auflösung und weisen dieselben Artefakte auf wie im Original.

Anarchronistisch fühlt sich das Spiel vor allem beim Free Roaming durch die City an – weil sich sowohl die KI der Passanten in Kamurocho sehr willkürlich verhält, die eben nur Platzhalter-/Statisten sind, die Raum füllen sollen, statt wie lebendige Bewohner anzumuten, aber auch weil unsere Spielfigur nur die Phasen Laufen und Stehen kennt, und keine organisch-dynamischen Bewegungen simuliert werden. Die Steuerung ist deshalb ungewohnt direkt, weil Kazuma hier nicht erst Anlauf nehmen muss, um in den Rennmodus zu gelangen. Auch der Umstand, dass die Kämpfe hier noch nach Zufallsprinzip aufploppen und dann innerhalb der Umgebung instanziert werden, wirkt seit Yakuza 0 und erst recht seit den Dragon Engine 2-Ablegern (Yakuza 6, Kiwami 2 und Judgment) furchtbar veraltet.

Die Kampfmechanik wirkt naturgemäß ein wenig steifer als in den neueren Ablegern, bildete aber seinerzeit das modernisierte Fundament für das bis heute gültige Schema: Sowohl das Level-Prinzip als auch das Moveportfolio – mitsamt Heatmovesets- Itemnutzung- Waffen- und Rüstungen sind ein wenig basaler gestaltet als in den Nachfolgern, im Prinzip sind aber alle Elemente schon im dritten Teil präsent.

ERSTMALIG (BEINAHE) VOLLSTÄNDIGE YAKUZA 3-FASSUNG IM WESTEN

Die herausgeschnittenen Inhalte in der westlichen Fassungen sorgten damals für einen Aufschrei in der Fan-Community. Die sind jetzt glücklicherweise mit von der Partie, somit haben wir erstmalig eine beinahe vollständige Yakuza 3 -Fassung im Westen vorliegen. Warum aber nur beinahe? Weil es dennoch einige geänderte Inhalte gibt, die aber auch die japanische Fassung betreffen.

Ein Quiz-Minigame etwa bezog sich auf japanische Popkultur-Trivia der 00er Jahre – Jenes wurde nunmehr auch in der japanischen Fassung rausgestrichen und findet sich daher auch in der lokalisierten Fassung nicht wieder. Zudem gab es eine Substory, die im Nachhinein als homo- und transphob gewertet wird und auch in der jap. Version ob progressiverer LGBT-freundlicherer Ansätze rausgestrichen worden ist.

Abgesehen davon finden sich die ganzen Hostess Bar-Girls aber nun auch im westlichen Release und damit verbunden auch alle restlichen, uns bislang vorenthaltenen, Substories – immerhin 21 an der Zahl. Allein dafür lohnt sich die Anschaffung des Remasters. Zudem werden die Substories jetzt auch auf der Karte mit entsprechendem Questmarker gekennzeichnet, wie man es von den neueren Teilen kennt und müssen nicht mehr mühsam per Guide erschlossen werden. Für mich als Komplettierer eine feine Sache.

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Zu guter Letzt ist die Lokalisierung vollständig überarbeitet worden und ist nun ebenfalls auf Linie mit den anderen PS4-Teilen: Das betrifft mitunter die Bezeichnung des Waisenhauses, das nun „Morning Glory“ heißt, – aus Fuma wird richtigerweise Kazama und japanische Begrifflichkeiten wie „Aniki“ werden jetzt nicht mehr als irreführendes englisches „Boss“ übersetzt und sondern in ihrer Konzeptualität im Japanischen beibehalten. Generell ergeben jetzt auch viele Dialoge deutlich mehr Sinn, insofern hat sich an dieser Stelle die Mühe der Lokalisierung extrem gelohnt.

Fazit:

Das Yakuza 3 Remaster lohnt sich! Für Kenner des Originals, aber auch für jene, welche ausschließlich die bisherigen PlayStation 4- und PC-Teile gespielt haben. Technisch mag das Ding nicht mehr ganz mit den frischeren Serienablegern- und Remakes standhalten. Es wirkt spielerisch und grafisch zuweilen etwas steif. Aber zunächst einmal ist es erzählerisch neben Yakuza 6: Song of Life der voll intimste und emotionalste Part der Reihe und kann diese Position auch zehn Jahre später noch behaupten. Zum anderen bekommen Veteranen nach 10 Jahren erstmalig die fast vollständige Fassung, die uns damals auf der PlayStation 3 vorenthalten blieb. Will heißen: 21 Substories, die bislang japanexklusiv blieben, feiern ihre westliche Premiere – zudem mit überarbeiteter Lokalisierung. Und mit der Remastered Collection, die im Februar 2020 einen Retail-Release erhält, bei der die bislang ausstehenden Teile 4 und 5 jetzt schrittweise bis Februar erscheinen (Yakuza 4 bereits am 29. Oktober, Yakuza 5 am 11. Februar) werden auch jene mit ins Boot geholt, die bislang mit Yakuza 0 gestartet sind und sich die Reihe in chronologischer Reihenfolge zu Gemüte führen möchten (da dürfte es bestimmt einige geben).

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The Yakuza Remastered Collection – Day One Edition [PlayStation 4]

Yakuza 3 Remastered [PlayStation 4]
  • Geschichte
  • Inszenierung/Regie
  • Grafik
  • Sound(track)
  • Pacing
  • Spielwelt/Details
  • Missionsdesign
  • Remastering-Qualitäten (Lokalisierung, Technik, Inhalt)
3.8

Fazit

Das Yakuza 3 Remaster lohnt sich! Für Kenner des Originals, aber auch für jene, welche ausschließlich die bisherigen PlayStation 4- und PC-Teile gespielt haben. Technisch mag das Ding nicht mehr ganz mit den frischeren Serienablegern- und Remakes standhalten. Es wirkt spielerisch und grafisch zuweilen etwas steif. Aber zunächst einmal ist es erzählerisch neben Yakuza 6: Song of Life der voll intimste und emotionalste Part der Reihe und kann diese Position auch zehn Jahre später noch behaupten. Zum anderen bekommen Veteranen nach 10 Jahren erstmalig die fast vollständige Fassung, die uns damals auf der PlayStation 3 vorenthalten blieb.

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